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AGB-Check: PayPal für Händler – Käuferschutz, Haftung und Einbehalte

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AGB-Serie Folge 5: PayPal für Händler – Hausrecht, Haftung und das Risiko der Einbehalte

PayPal ist für viele Unternehmen ein wichtiger Zahlungsdienstleister. Diese Folge meiner AGB-Serie ordnet die PayPal-Bedingungen aus Sicht eines deutschen Unternehmens ein: Was macht PayPal genau, wie ist die Rollenverteilung zwischen Käufer, Verkäufer und PayPal, und an welchen Stellen bergen die Regelungen praktisches Konfliktpotenzial.

Was sind die Besonderheiten von PayPal gegenüber anderen Zahlungsdienstleistern

PayPal arbeitet kontobasiert. Häufig sind beide Seiten des Zahlungsvorgangs – der Zahlende und der Verkäufer – PayPal-Kunden. Streitfragen werden damit zunächst nach den PayPal-Programmen entschieden, vor allem nach Käufer- und Verkäuferschutz. Entscheidend sind dort Fristen, Adress- und Versandvorgaben sowie belastbare Nachweise. Zusätzlich enthält das Vertragswerk Haftungsbegrenzungen und Sicherungsmechanismen (Einbehalte/Reserven), die unmittelbar auf Liquidität und Risikoverteilung wirken.

Ich fokussiere mich nachfolgend auf drei Komplexe: das „Hausrecht“ bei Käufer-/Verkäuferschutz, die Haftungsbegrenzung einschließlich Freistellung und die Einbehalte/Reserven.

Vertragspartner & anwendbares Recht (B2B)

Vertragspartner ist die PayPal (Europe) S.à r.l. et Cie, S.C.A., Luxemburg. Die PayPal-Nutzungsbedingungen stellen die Rechtsbeziehung mit den Nutzern unter das Recht von England und Wales und sehen für Unternehmen eine nicht-ausschließliche Zuständigkeit der Gerichte in England und Wales vor.

Diese Vorgaben greifen nur, wenn die Bedingungen wirksam einbezogen wurden (dazu sogleich); daneben bleiben die unionsrechtlichen Kollisions- und Zuständigkeitsregeln (Rom-I, Brüssel Ia) maßgeblich.

Geltung der Nutzungsbedingungen – sind sie überhaupt Vertragsinhalt?

Die weitreichenden PayPal-Regelungen – insbesondere die Rechtswahl für England und Wales sowie die programmgestützten Entscheidungen im Käufer-/Verkäuferschutz – greifen nur, wenn die Bedingungen wirksam Vertragsbestandteil geworden sind.

Kollisionsrechtlich gibt dazu die Rom-I Verordnung Orientierung: Ob die Rechtswahl – und mit ihr das Klauselwerk – vereinbart wurde, beurteilt sich grundsätzlich nach dem gewählten Recht (Art. 10 Abs. 1). Ausnahmsweise kann sich die deutsche Partei darauf berufen, nach deutschem Recht liege keine wirksame Zustimmung vor (Art. 10 Abs. 2). Steht die Rechtswahl noch nicht fest, knüpft Rom I zunächst objektiv an (Art. 4). Getrennt davon richtet sich die gerichtliche Zuständigkeit nach Brüssel Ia; die in den PayPal-Bedingungen genannte nicht ausschließliche Zuständigkeit englischer Gerichte sperrt deutsche Gerichte nicht automatisch. Umgekehrt kann PayPal als Kläger den deutschen Händler durchaus vor englische Gerichte laden.

Praktisch zählt der Vertragsschluss: klarer Hinweis, Zugriff auf den Volltext der maßgeblichen Fassung vor Abschluss, nachweisliche Zustimmung. Unklare Verweisungen oder intransparente Änderungen schwächen die Einbeziehung. Wer dies dokumentiert (Zeitpunkt, Fassung, Zustimmungsvorgang), schafft die Basis – und hat im Streitfall Ansatzpunkte, Rechtswahl und Programmbedingungen anzugreifen.

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Klausel: „Hausrecht“ – Käufer- und Verkäuferschutz

In den PayPal-Regeln zum Käuferschutz heißt es:

„Wir entscheiden, ob ein Anspruch unter den PayPal-Käuferschutz fällt. Die Entscheidung ergeht auf Grundlage der Zulässigkeitsvoraussetzungen, der im Verfahren bereitgestellten Informationen und Unterlagen sowie aller sonstigen Informationen, die PayPal im jeweiligen Einzelfall für sachdienlich erachtet.“ Außerdem: „Sie müssen einen Käuferschutzantrag innerhalb der in unseren Richtlinien angegebenen Fristen stellen. … Wir können Gelder vorübergehend einbehalten, während wir den Antrag prüfen.“

Spiegelbildlich heißt es in den Verkäuferschutz-Regeln:

„Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen sind Sie berechtigt, den vollen Kaufpreis einzubehalten. Ob ein Anspruch unter den PayPal-Verkäuferschutz fällt, entscheidet PayPal nach eigenem Ermessen.“ Weiter verlangt PayPal u. a.: „Sie müssen den Artikel an die Lieferadresse versenden, die auf der Seite ‚Transaktionsdetails‘ zu der Transaktion in Ihrem PayPal-Konto aufgeführt ist.“

„Übersetzt“ heißt das:

PayPal trifft die Sachentscheidung über Käufer- und Verkäuferschutzfälle komplett eigenständig; während des Verfahrens kann der Betrag aus der streitigen Transaktion im Verkäuferkonto blockiert bleiben. Der Verkäuferschutz greift nur, wenn die formalen Voraussetzungen (insbesondere fristgerechte Nachweise und Versand an die in den Transaktionsdetails hinterlegte Adresse) erfüllt sind

Wer diese „Spielregeln“ exakt beachtet, profitiert potenziell vom jeweiligen Schutzprogramm; wer sie nicht erfüllt, steht trotz eigentlich stimmiger Leistung rasch ohne Schutz da.

Was bedeutet das praktisch?

Für Unternehmen ist das ein reales Plattform-„Hausrecht“.

Praktisch bedeutsam – und häufig unterschätzt – ist die Strenge der formalen Voraussetzungen. Schon eine gut gemeinte Abweichung von der hinterlegten Lieferadresse, eine verspätete Reaktion im Konfliktcenter oder ein unvollständiger Zustellnachweis kann den Verkäuferschutz entfallen lassen, selbst wenn die Leistung materiell ordnungsgemäß war. Für digitale Leistungen ist die Lage noch schärfer: Der Verkäuferschutz ist dort oft eingeschränkt oder ausgeschlossen. Wer digitale Güter vertreibt, muss daher frühzeitig mit protokollfesten Nutzungs- und Zugriffsnachweisen arbeiten; ohne solche Belege bleibt das Programm wirkungslos, während Käufer gleichwohl Käuferschutz geltend machen können. Das führt zu einer Risikoverschiebung, die vielen erst im Streitfall bewusst wird.

Unternehmen sollten ihre Abläufe deshalb konsequent auf die PayPal-Logik ausrichten: Versand nur an die Transaktionsadresse, systematische Ablage der Nachweise, schnelle Reaktion auf Dokumentationsanforderungen und klare Kundenkommunikation zu Liefer- und Retourenprozessen.

Rechtliche Einordnung

Die weitgehende Entscheidungsbefugnis („PayPal entscheidet nach eigenem Ermessen“) und die Möglichkeit, Gelder vorläufig zu sperren, sind in Plattformbedingungen nicht unüblich. An deutschen AGB-Maßstäben gemessen ist entscheidend, ob Transparenz und Zumutbarkeit gewahrt sind. Die detaillierten Programmbedingungen, die klaren Zulässigkeitsvoraussetzungen und die dokumentierten Nachweisanforderungen sprechen zunächst für eine hinreichende Transparenz.

Angreifbar wird es dort, wo die Kriterien unbestimmt bleiben oder der Nachweisstandard in der Praxis kaum erfüllbar ist; dann kann eine unangemessene Benachteiligung im Sinne von § 307 BGB in Betracht kommen – ein Punkt, den man im Streit gezielt prüfen sollte. Soweit PayPal die Prüfung zügig durchführt und nachvollziehbar begründet, wird das die AGB-Kontrolle eher bestehen. Zu beachten ist außerdem:

Die Programme sind zusätzlich zu etwaigen gesetzlichen oder kartennetzseitigen Ansprüchen zu verstehen; sie ersetzen diese nicht, sondern steuern die interne Konfliktlösung und die Auszahlung innerhalb des Systems.

Empfehlung/Praxistipp:

Unternehmen sollten die PayPal-Schutzprogramme wie ein eigenständiges Regelwerk behandeln und ihre Prozesse darauf zuschneiden. In Vertragsverhandlungen mit PayPal lassen sich diese Standardprogramme nicht modifizieren. Was sich steuern lässt, ist die eigene Compliance.

Klausel: Haftungsbegrenzung und Freistellung

Unter „Klären von Problemen / Keine Verantwortung“ heißt es:

„Wir sind nicht verantwortlich für die Produkte und Dienstleistungen, die ein Verkäufer verkauft oder ein Spender anbietet und auf die Sie mit den PayPal-Diensten zugreifen. (…) Sie entbinden uns von jeglicher Haftung und stimmen zu, dass Sie uns nicht für Schäden, Verluste oder Folgeschäden haftbar machen, die sich aus den Produkten oder Dienstleistungen eines Verkäufers oder aus Maßnahmen eines anderen PayPal-Nutzers ergeben.“

Im Abschnitt „Andere rechtliche Bestimmungen“ findet sich ergänzend:


„Wenn Sie kein Verbraucher sind, verzichten Sie auf bestimmte Rechte, einschließlich der gesetzlichen Gewährleistungsrechte, soweit dies gesetzlich zulässig ist. Unsere Haftung ist ausgeschlossen oder beschränkt, soweit dies gesetzlich zulässig ist.“

Ferner regelt PayPal unter „Kein Handeln auf Ihre Anweisungen“:


„Wir handeln nicht als Treuhänder oder Vertreter für Sie. (…) Wir unterstützen Sie nicht bei Streitigkeiten mit anderen Nutzern oder Dritten und sind nicht verpflichtet, Streitigkeiten beizulegen.“

Bezogen auf Dritte, denen Sie Zugriff erlauben:


„Sie machen uns nicht haftbar, und stellen uns von jeglicher Haftung frei, die sich aus den Handlungen oder Unterlassungen dieser Dritten im Zusammenhang mit den von Ihnen erteilten Berechtigungen ergibt, vorbehaltlich Ihrer zwingenden gesetzlichen Rechte.“

Zu Einbehaltungen/Reserven heißt es:


„Wir können Ihr E-Geld in dem Umfang und für die Zeit einbehalten, die wir angemessenerweise benötigen, um zu prüfen, ob es notwendig ist, Beträge einzubehalten, um uns und/oder Dritte vor dem Risiko von Rückbuchungen, Gebühren, Geldbußen, Strafen und anderen ähnlichen Verbindlichkeiten zu schützen …“

Kurz „übersetzt“ bedeutet das:

PayPal will seine Haftung weit begrenzen und zugleich erreichen, dass Geschäftskunden PayPal von Drittansprüchen freistellen, wenn Konflikte aus ihrem Verantwortungsbereich herrühren. Parallel versteht sich PayPal im Verhältnis der Nutzer zueinander nicht als Schiedsinstanz; Streitigkeiten zwischen Käufer und Verkäufer sollen diese grundsätzlich selbst austragen. Operativ kann PayPal im Konfliktfall Beträge vorübergehend einbehalten.

Was bedeutet das praktisch?

Für Unternehmen steuert PayPal zwar den Zahlungsfluss, versucht aber zivilrechtlich, das eigene Risiko schmal zu halten. Drittansprüche (zum Beispiel von Käufern oder Rechteinhabern) sollen – einschließlich anwaltlicher Kosten – beim Händler landen, sobald sie an Vertrags- oder Gesetzesverstöße des Händlers anknüpfen. Die Release-Elemente („keine Verantwortung“, „keine Unterstützung bei Streitigkeiten“) unterstreichen, dass PayPal sich aus der eigentlichen Sachfrage zwischen Käufer und Verkäufer heraushält; zugleich kann PayPal zur Absicherung Einbehalte vornehmen.

Rechtliche Einordnung

Im B2B-Verhältnis sind Haftungsbegrenzungen grundsätzlich zulässig, unterliegen aber einer Inhaltskontrolle (in Deutschland: § 307 BGB; die §§ 308, 309 BGB finden nach § 310 Abs. 1 BGB keine Anwendung, doch die Generalklausel greift unter Berücksichtigung der im Handelsverkehr geltenden Gewohnheiten). Unwirksam wären pauschale Ausschlüsse für Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit, ebenso für wesentliche Vertragspflichten ohne angemessenen Haftungsrest. Weit gefasste Freistellungen und unbestimmte Begriffe („Handlungen Dritter“, „im Zusammenhang mit…“) sind im Einzelfall angreifbar, vor allem, wenn PayPal zugleich eigene Steuerungsentscheidungen trifft (z. B. Einbehalte) und gleichwohl jede Verantwortlichkeit ausklammern will. Ob diese Maßstäbe überhaupt greifen, hängt – wie zuvor – an Einbeziehung und Rechtswahl; die Bewertung erfolgt hier in deutschrechtlicher Perspektive.

Empfehlung / Praxistipp

Nehmen Sie Freistellung und Haftungsbegrenzung bewusst zur Kenntnis und ordnen Sie intern Verantwortlichkeiten zu (Produkt- und Markenprüfung, Informationspflichten, Reaktionsfristen, Nachweisketten). Im Konfliktfall lohnt es sich, den konkreten Klauselanknüpfungspunkt sauber zu dokumentieren und – wo die Klausel über das Notwendige hinausgreift – Grenzen zu ziehen. Besteht Verhandlungsmacht, können Klarstellungen helfen (etwa Eingrenzung auf Verstöße im eigenen Verantwortungsbereich oder Präzisierungen bei außergerichtlichen Kosten). Wo kein Spielraum besteht, bleibt die saubere Dokumentation und – falls nötig – die AGB-rechtliche Überprüfung im Einzelfall.

Klausel: Einbehaltungen und Reserven (PayPal)

In den PayPal-Nutzungsbedingungen heißt es zum Einbehalt von Zahlungen unter anderem:

„Eine Einbehaltung können wir entweder auf Transaktionsebene oder auf Kontoebene durchführen.“

 

„Wenn wir einen Zahlungsbetrag mit einer Einbehaltung belegen, steht das Geld weder dem Absender noch dem Empfänger zur Verfügung.“

 

„Wir entscheiden über die Bildung einer Reserve auf Grundlage von internen und externen Faktoren.“

 

„Bei einer dynamischen Reserve wird ein Prozentsatz der täglich von Ihnen empfangenen Transaktionen einbehalten.“

 

„Sie ergreifen auf eigene Kosten alle weiteren Maßnahmen, die erforderlich sind, um eine Reserve oder eine andere Form von Sicherheit … zu bilden.“

 

„Übersetzt“ heißt das:

PayPal beansprucht ein weitreichendes Instrumentarium, um Zahlungsbeträge kurzfristig zu blockieren oder längerfristig eine Reserve aufzubauen. Das läuft nicht nur punktuell bei einer konkreten Transaktion, sondern kann auch auf Kontoebene greifen. Die Maßstäbe, nach denen PayPal das Risiko bewertet, bleiben dabei weitgehend in der Hand von PayPal. Die wirtschaftliche Folge ist simpel: Liquidität, die im Betrieb fest eingeplant ist, kann zeitweise nicht verfügbar sein, obwohl die Ware geliefert oder die Leistung erbracht ist.

Was bedeutet das praktisch?

Für Unternehmen ist das weniger ein „theoretisches“ Risiko als ein Cashflow-Thema. Eine Einbehaltung trifft den Händler unmittelbar: Der Kaufpreis ist wirtschaftlich verdient, aber nicht nutzbar. Eine Reserve verschiebt dieses Problem in die Zukunft, weil PayPal fortlaufend einen Teil der Zahlungseingänge abschöpfen kann. Das ist besonders unangenehm in Phasen, in denen das Geschäftsmodell ohnehin vorfinanziert werden muss: Einkauf, Versand, Retouren, Marketing. Und es trifft typischerweise nicht die „schwarzen Schafe“, sondern oft auch wachsende Händler mit sprunghaften Umsatzveränderungen oder schlicht einem für PayPal als „risikoreich“ eingestuften Segment.

Rechtliche Einordnung:

Bewertet man diese Mechanik nach deutschem AGB-Recht, ist der Kernangriffspunkt nicht, dass PayPal überhaupt Sicherungsinstrumente haben darf. Das wird man einem Zahlungsdienstleister grundsätzlich zugestehen. Angreifbar wirkt vielmehr die Kombination aus sehr weitem Ermessen, begrenzter Vorhersehbarkeit und einer erheblichen Verlagerung der wirtschaftlichen Last auf den Nutzer. Je weniger transparent die Kriterien sind, je länger die Bindungsdauer wirkt und je stärker das Instrument „automatisch“ greift, desto näher liegt eine unangemessene Benachteiligung im Sinne von § 307 BGB, auch im unternehmerischen Verkehr. Dazu kommt die Klausel, wonach der Nutzer auf eigene Kosten weitere Maßnahmen zur „Sicherheit“ ergreifen soll: Das ist eine offene Kosten- und Mitwirkungslast, die in der Breite und Unbestimmtheit zumindest erklärungsbedürftig ist.

Unter Zugrundelegung des Rechts von England/Wales dürfte die Bewertung kaum anders ausfallen: Angreifbar wird die Klauselgestaltung dort, wo PayPal ein sehr weites, praktisch kaum kontrollierbares Ermessen beansprucht und der Händler zugleich erheblichen Liquiditätsdruck trägt, ohne dass Auslöser, Umfang, Dauer und Freigabe der Maßnahme verlässlich vorhersehbar sind. Genau dort verläuft die Grenze zwischen zulässiger Risikovorsorge und einseitiger Risikoverlagerung.

Empfehlung/Praxistipp:

Realistisch wird man PayPal bei kleinen und mittleren Händlern kaum „wegverhandeln“ können. Sinnvoll ist deshalb zweigleisig zu denken. Erstens operativ: so früh wie möglich die Faktoren reduzieren, die PayPal typischerweise als Risikosignale liest, also saubere Leistungsnachweise, konsistente Lieferzeiten, nachvollziehbare Kommunikation im Konfliktfall und ein belastbares Retouren- und Beschwerdemanagement. Zweitens kaufmännisch: mit Reserven als Möglichkeit rechnen und sie in der Liquiditätsplanung abbilden, gerade bei Wachstum oder Sortimentwechseln. Wenn die Verhandlungsmacht es hergibt, ist eine sinnvolle Stellschraube nicht „keine Reserve“, sondern klare Parameter: wann sie eingerichtet wird, wie sie berechnet wird, wann sie endet und welche Nachweise eine frühere Freigabe auslösen. Genau an diesen Stellschrauben entscheidet sich später oft, ob man eine Einbehaltung als notwendige Risikomaßnahme hinnehmen muss oder ob sie im Streitfall als zu weitgehend und zu wenig transparent angreifbar erscheint.

Fazit zu PayPal für Händler

PayPal sollte ein Händler rechtlich und operativ wie ein eigenes Regelwerk behandeln, nicht wie einen bloßen Zahlungsdienst. Dann kann die Nutzung von PayPal im Geschäftsalltag gut funktionieren. Man muss dabei nur klar sehen, was das bedeutet: Entscheidungen fallen nicht allein nach dem Kaufvertrag, sondern auch nach den PayPal-Regeln. Genau deshalb gehört PayPal in die rechtliche und kaufmännische Steuerung wie jedes andere relevante Vertragswerk.

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Ermittlung von Handelsbräuchen im Zivilprozess

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Wenn ein Handelsbrauch über einen Rechtsstreit entscheidet - Zur Ermittlung von Handelsbräuchen im Zivilprozess

In vielen wirtschaftlichen Konfliktlagen stehen zwei Ebenen nebeneinander. Auf der einen Seite stehen der Vertrag und die Kommunikation zwischen den Parteien. Auf der anderen Seite steht die tatsächliche Praxis im Markt. Hier kann es etwa darum gehen, ob in laufenden Lieferbeziehungen bestimmte Zahlungsziele und Skontofristen als selbstverständlich vorausgesetzt werden, wie in Rahmenlieferverträgen Abrufmengen und -fristen gehandhabt werden, ab welchem Zeitpunkt in der Containerlogistik Standgelder oder Ablöseentgelte entstehen oder ob bei Handelsgeschäften verdeckte Mängel noch nach einer zunächst unauffälligen Eingangskontrolle gerügt werden können.

Sobald eine beteiligte Partei sagt „so läuft das bei uns in der Branche“, steht die Behauptung eines Handelsbrauchs im Raum.

Kommt es dann mangels Einigung zum Prozess, stellt sich der behauptete Handelsbrauch als echte Tatfrage dar, an der sich der ganze Rechtsstreit entscheiden kann. Es steht dann in tatsächlicher Hinsicht im Raum: Gibt es in dem betroffenen Markt tatsächlich eine gefestigte Übung? Welche Unternehmen gehören zu diesem Markt? Und natürlich: Welchen konkreten Inhalt hat diese Übung?

Der nachfolgende Beitrag setzt sich damit auseinander, wie Handelsbräuche in gerichtlichen Verfahren ermittelt werden und was es für die Beteiligten zu beachten gilt.

Was ein Handelsbrauch im Rechtssinn ist – Abgrenzung zur bloßen „Gepflogenheit“

Das deutsche Handelsgesetzbuch kennt Handelsbräuche ausdrücklich. § 346 HGB lautet:

„Unter Kaufleuten ist in Ansehung der Bedeutung und Wirkung von Handlungen und Unterlassungen auf die im Handelsverkehr geltenden Gewohnheiten und Gebräuche Rücksicht zu nehmen.“

Damit ist bereits qua Gesetz geklärt: Handelsbräuche sind keine unverbindlichen „Praxisphänomene“, sondern ein zwingend zu berücksichtigender Faktor, wenn es um die Bedeutung und Wirkung von Handlungen im Handelsverkehr geht. Sie wirken in die Auslegung und Ergänzung von Verträgen hinein und können im Streitfall den Ausschlag geben, wie ein Geschäft rechtlich einzuordnen ist.

Was damit gemeint ist:

Ein Handelsbrauch ist keine Rechtsnorm, sondern eine tatsächliche Übung. Gemeint sind Abläufe, die

  • in einem bestimmten Markt über längere Zeit gleichförmig praktiziert werden
  • von den beteiligten Kaufleuten gekannt werden
  • und unter den Beteiligten als verbindlich gelten.

Es geht also um mehr als reine Zweckmäßigkeit oder Bequemlichkeit. Ein Handelsbrauch liegt nur vor, wenn die maßgeblichen Verkehrskreise davon ausgehen, dass ein Geschäft „so zu laufen hat“ und dass ein Abweichen eine Erklärung erfordert.

Handelsbräuche sind dabei nie grenzenlos. Sie gelten

  • sachlich nur für bestimmte Arten von Geschäften
  • räumlich nur in bestimmten Regionen oder Märkten
  • personell nur für die Kreise, die diesen Markt tatsächlich prägen.

Der Verweis in § 346 HGB knüpft an die allgemeinen Auslegungsregeln der §§ 157, 242 BGB an. Dort ist von „Verkehrssitte“ und „Treu und Glauben“ die Rede. Handelsbräuche sind die spezifische Ausprägung dieser Verkehrssitte im kaufmännischen Verkehr.

Abgrenzung zu bloßer Gepflogenheit

In der Praxis ist die Abgrenzung zu bloßen Gepflogenheiten von großer Bedeutung. Nicht jede regelmäßige Praxis erreicht die Dichte eines Handelsbrauchs. Typische Merkmale einer bloßen Gepflogenheit sind:

  • Sie ist bequem, aber nicht zwingend.
  • Abweichungen kommen häufig vor, ohne dass dies als Regelverstoß empfunden wird.
  • Die Beteiligten würden nicht sagen, dass der andere „gegen die üblichen Handelsregeln“ verstößt.

Demgegenüber erfordert ein Handelsbrauch eine gefestigte Erwartungslage. Die maßgeblichen Verkehrskreise halten die Übung für selbstverständlich. Wer anders verfährt, muss damit rechnen, dass sein Verhalten als ungewöhnlich angesehen und im Streitfall hinterfragt wird.

Diese Abgrenzung entscheidet im Prozess darüber, ob ein behaupteter Handelsbrauch als ernstzunehmender Beweisgegenstand behandelt wird oder ob das Gericht ihn als unverbindliche Praxis einstuft, die für die Entscheidung keine tragende Rolle spielt.

Handelsbrauch und Vertrag

Für Unternehmen besonders wichtig ist das Zusammenspiel von Handelsbrauch und vertraglichen Abreden. Grundsätzlich gilt:

  • Der individuell ausgehandelte Vertrag hat stets Vorrang.
  • Ein Handelsbrauch wird herangezogen, um Erklärungen auszulegen und Lücken zu schließen.
  • Zwingendes Recht bleibt unberührt.

In der Praxis bedeutet das:

Wenn ein Vertrag oder die einbezogenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen eine Frage klar regeln, gibt ein Handelsbrauch diese Regelung nicht ohne Weiteres „aus der Hand“. Er kann aber helfen, unklare Begriffe zu konkretisieren und zu zeigen, wie eine Klausel im betreffenden Markt üblicherweise verstanden wird. Fehlt eine Regelung vollständig, kann ein Handelsbrauch die Lücke füllen und faktisch den Vertragsinhalt bestimmen.

Gerade im Streitfall ist daher genau zu prüfen,

  • ob überhaupt eine Lücke besteht, in die ein Handelsbrauch hineinwirken kann
  • ob der angebliche Handelsbrauch in genau diesem Markt und für diesen Geschäftstyp gilt und
  • ob die behauptete Übung die erforderliche Dichte erreicht.

Für die vertragliche Gestaltung folgt daraus: Je klarer ein Vertrag heikle Punkte regelt, desto weniger Raum bleibt für unsichere Handelsbrauchbehauptungen.

Exkurs:
Abweichung vom Handelsbrauch durch AGB

Für die Praxis stellt sich schnell die Frage, ob Allgemeine Geschäftsbedingungen einfach von einem gefestigten Handelsbrauch abweichen dürfen. Grundsätzlich ist das möglich. Handelsbräuche nach § 346 HGB sind kein zwingendes Recht, sondern wirken als Auslegungs- und Ergänzungsmaßstab. Ein klar formulierter Vertrag oder wirksam einbezogene AGB können davon abweichen.

Ganz frei ist man aber nicht. Je gefestigter ein Handelsbrauch im Markt ist, desto stärker prägt er die Erwartung eines marktbeteiligten Vertragspartners. Eine AGB-Klausel, die diese Erwartung stillschweigend in das Gegenteil verkehrt, kann als überraschend im Sinn von § 305c BGB oder als unangemessen im Sinn von § 307 BGB bewertet werden. Das gilt vor allem dann, wenn die Abweichung weder sprachlich klar noch optisch erkennbar herausgestellt ist.

Für die Vertragsgestaltung heißt das: Wer bewusst gegen einen Handelsbrauch steuern möchte, muss dies deutlich tun und sich der Risiken bewusst sein. Für den Streitfall heißt das: Es lohnt sich zu prüfen, ob eine belastende AGB-Regelung überhaupt wirksam ist, wenn im betreffenden Markt ein verfestigter Handelsbrauch besteht.

Prozessuale Einordnung – Handelsbrauch ist Tatfrage

Spätestens im Prozess stellt sich die Frage, wie ein Handelsbrauch prozessual behandelt wird.

Handelsbrauch als Tatfrage

Prozessual wird der Handelsbrauch als Tatsache behandelt. Das Gericht muss bei Entscheidungserheblichkeit feststellen,

  • ob es im relevanten Markt überhaupt eine gefestigte Übung gibt,
  • welche Unternehmen zu diesem Markt gehören,
  • und welchen konkreten Inhalt diese Übung hat.

Diese Feststellung erfolgt nach den allgemeinen Regeln der freien Beweiswürdigung in § 286 ZPO. Das Gericht bildet sich seine Überzeugung auf Grundlage der erhobenen Beweise. Der behauptete Handelsbrauch ist damit keine abstrakte Rechtsfrage, sondern er bildet einen eigenen Tatsachenkomplex, der im Urteil nachvollziehbar abgearbeitet werden muss. Das hat zwei Konsequenzen:

  • Handelsbräuche werden vom Tatrichter festgestellt, nicht im Rahmen einer rein rechtlichen Kontrolle.
  • Die Qualität der Beweisaufnahme entscheidet über das Ergebnis und dessen Bestand in der Rechtsmittelinstanz.

Folgen für die Beweisaufnahme

Wenn ein Handelsbrauch entscheidungserheblich ist und bestritten wird, ist er grundsätzlich Gegenstand einer geordneten Beweisaufnahme.

In der Praxis ist das zentrale Beweismittel das Sachverständigengutachten, in Wirtschaftssachen häufig in Form eines Handelsbrauchgutachtens der zuständigen Industrie- und Handelskammer. Ergänzend können Urkunden aus dem Marktumfeld – etwa Verbandsbedingungen, Branchenempfehlungen oder typische Musterverträge – als Indizien herangezogen werden. Zeugenaussagen spielen, wenn überhaupt, eher eine untergeordnete Rolle und dürften Relevanz haben, wenn es zum Beispiel um die denkbare Erschütterung eines Handelsbrauchs geht.

Die Einordnung als Tatfrage bedeutet, dass das Gericht nicht aus eigener Rechtsauffassung heraus festlegen darf, was „branchenüblich“ ist. Es muss die tatsächlichen Verhältnisse ermitteln. Wie das konkret geschieht, hängt vom Einzelfall ab. In den wohl meisten wirtschaftlich bedeutsamen Konstellationen führt der Weg des Sachverständigenbeweises zur Einholung eines IHK-Gutachtens (dazu sogleich).

Darlegungs- und Beweislast

Wer sich im Prozess auf einen Handelsbrauch stützt, trägt die Darlegungs- und Beweislast. Das umfasst zwei Ebenen:

  • Darlegungslast: Die Partei muss den behaupteten Handelsbrauch so konkret beschreiben, dass er überhaupt zum Gegenstand eines Beweisbeschlusses gemacht werden kann. Dazu gehören Geschäftstyp, Markt, Zeitraum und der genaue Ablauf.
  • Beweislast: Die Partei muss die Überzeugung des Gerichts davon ermöglichen, dass die behauptete Übung in den verkehrsbeteiligten Kreisen tatsächlich besteht und als verbindlich angesehen wird.

Pauschale Hinweise auf „branchenüblich“ reichen dafür nicht aus. Ohne konkret eingegrenztes Beweisthema kann das Gericht weder sinnvoll Beweis erheben noch das Ergebnis prüfen.

Gerichtskundigkeit als Ausnahme

In seltenen Fällen kann ein Handelsbrauch als gerichtsbekannt im Sinn von § 291 ZPO behandelt werden. Dann bedarf es keiner Beweisaufnahme. Das setzt aber voraus, dass das Gericht die betreffende Übung aus eigener, verlässlicher Kenntnis beurteilen kann.

In spezialisierten Märkten mit komplexen Vertragsstrukturen ist das realistisch kaum anzunehmen. Gerade in größeren wirtschaftlichen Streitigkeiten wird ein Gericht sich deshalb regelmäßig nicht auf Gerichtskundigkeit stützen, sondern Beweis erheben müssen. Für Unternehmen bedeutet das: Sie sollten nicht darauf vertrauen, dass das Gericht „schon weiß“, wie ein Markt funktioniert, sondern darauf bestehen, dass Handelsbräuche im Wege der Beweiserhebung ermittelt werden.

Abgrenzung von Tatfrage und Rechtsfrage

Die Einordnung als Tatfrage bedeutet nicht, dass der Handelsbrauch vollständig aus dem Bereich der Rechtsanwendung herausfällt. Tatsächlich werden zwei Ebenen getrennt: Zunächst ist festzustellen, ob in einem Markt überhaupt eine bestimmte Übung besteht und wie sie konkret ausgestaltet ist. Das ist Tatsachenfeststellung. Erst im zweiten Schritt entscheidet das Gericht, ob diese Übung die Qualität eines Handelsbrauchs im Sinn von § 346 HGB erreicht und welche Rechtsfolgen sich daraus für Auslegung und Ergänzung des Vertrags ergeben. Diese Qualifikation ist Rechtsanwendung. In der Praxis verschwimmen beide Ebenen häufig, weshalb es sich lohnt, sie sauber auseinanderzuhalten.

Der Weg zur Feststellung eines Handelsbrauchs im Zivilprozess

Im materiellen Recht ist der Handelsbrauch in § 346 HGB gesetzlich verankert.

Im Prozess stellt sich die andere Frage: Wie kommt ein Gericht überhaupt zu der Feststellung, dass eine bestimmte Übung im Markt besteht. Die ZPO kennt kein Sonderverfahren für Handelsbräuche. Sie gibt nur den allgemeinen Rahmen der Beweisaufnahme vor. Wie Gerichte diesen Rahmen füllen, ist in der Praxis uneinheitlich.

Nicht untypisch sind Konstellationen, in denen zunächst ein Sachverständigengutachten zur „Üblichkeit“ bestimmter Abläufe angeordnet wird, ohne den Markt genauer zu definieren. Erst später entsteht im Verfahren zum Beispiel die „Idee“, ein Handelsbrauchgutachten der zuständigen Industrie- und Handelskammer einzuholen. Die Weichenstellungen des weiteren Ablaufs erfolgen dann oft in Abweichung zu den allgemeinen Regeln zur Erhebung des Sachverständigenbeweises, obwohl diese auch auf IHK-Gutachten anzuwenden sind. Im Prozess bedeutet das: Es lohnt sich die Einhaltung der grundsätzlichen zwingenden Regeln der ZPO zu prüfen und Abweichungen zu rügen.

Entscheidungserheblichkeit und Beweisfrag

Am Anfang steht die Frage, ob ein Handelsbrauch für den Rechtsstreit überhaupt entscheidungserheblich ist. Wenn die Antwort ja lautet und der behauptete Handelsbrauch bestritten wird, muss das Gericht klären, was genau aufgeklärt werden soll.

Ideal wäre eine Beweisfrage, die

  • den betroffenen Geschäftstyp beschreibt
  • das Marktsegment und gegebenenfalls die Region eingrenzt
  • den relevanten Zeitraum benennt
  • und den behaupteten Ablauf konkret fasst.

In vielen Beschlüssen findet man aber hiervon abweichend unvollständige Formulierungen wie zum Beispiel „zur Üblichkeit bestimmter Zahlungsschritte im Großhandel“. Verkehrskreise, räumlicher Zuschnitt und genaue Ausgestaltung werden offen gelassen. Die eigentliche Marktabgrenzung verschiebt sich damit in die Gutachtenerstellung, ohne dass klar ist, auf welcher Grundlage der Sachverständige oder die Kammer arbeitet.

Beweisbeschluss und ZPO-Rahmen

Formell beginnt der Weg mit einem Beweisbeschluss nach den §§ 355, 358 ZPO. Der Beschluss legt fest, welche Tatsachen aufgeklärt werden sollen und mit welchem Beweismittel. Für Handelsbräuche gibt es keine Sonderregel. Es gelten die allgemeinen Vorschriften, insbesondere zum Sachverständigenbeweis (§§ 402 ff. ZPO) und zur Verfahrensleitung (§ 404a ZPO).

Für Handelsbräuche bedeutet das:

  • der Beweisbeschluss ist der Ort, an dem die Tatsachenfrage sauber gefasst werden muss.
  • Er sollte erkennen lassen, welcher Markt gemeint ist und auf welchen Geschäftsbereich sich die Übung bezieht.
  • Er ist zugleich Anknüpfungspunkt für spätere Rügen, wenn das Verfahren in eine falsche Richtung gelaufen ist.

In der Praxis bleibt der Beweisbeschluss häufig hinter diesem Ideal zurück. Die eigentliche Konkretisierung des Markts erfolgt mündlich oder wird dem Sachverständigen überlassen, ohne dass dies im Beschluss deutlich niedergelegt wird.

Wahl und Einbindung des Beweismittels

Die ZPO privilegiert kein bestimmtes Beweismittel für Handelsbräuche. Zulässig sind grundsätzlich alle gesetzlichen Beweisformen. In Wirtschaftssachen haben sich jedoch zwei Wege herausgebildet:

  • Bestellung eines Sachverständigen, der anhand seiner Marktkenntnis und ergänzender Ermittlungen die Übung prüft, oder
  • Einholung eines Handelsbrauchgutachtens der Industrie- und Handelskammer, das strukturierte Umfragen bei verkehrsbeteiligten Unternehmen auswertet

Die Auswahl ist bedeutsam: Von ihr hängt ab, ob am Ende eine belastbare Tatsachengrundlage entsteht. Ein einzelner Sachverständiger kann seine Einschätzung nur dann tragfähig begründen, wenn er seinerseits ein hinreichend dichtes Bild des Marktes erhebt. Die IHK stützt sich umgekehrt auf die Rückmeldungen einer Vielzahl von Unternehmen. In beiden Fällen bleibt es bei einem Sachverständigenbeweis, auf den die Vorschriften §§ 402 ff. ZPO einschließlich der Verfahrensleitung nach § 404a ZPO Anwendung finden.

Ansatzpunkte für die Parteiarbeit

Für Unternehmen und ihre Berater ergeben sich entlang dieses Wegs mehrere konkrete Ansatzpunkte:

  • In der frühen Phase kann darauf hingewirkt werden, dass die Beweisfrage nicht nur „Üblichkeit“ abstrakt benennt, sondern Markt, Geschäftstyp und Zeitraum erkennbar macht.
  • Wenn der Beweisbeschluss zu vage ist, kann eine Ergänzung oder Konkretisierung beantragt werden.
  • Sachverständige aktiv vorschlagen: Parteien können geeignete Sachverständige benennen, die den betreffenden Markt tatsächlich kennen. Das erhöht die Chance auf eine fachkundig fundierte Ermittlung der Marktüblichkeit.
  • Alternativen prüfen, wenn sich kein geeigneter Sachverständiger finden lässt: Gerade in spezialisierten Märkten kann es schwierig sein, eine natürliche Person zu bestellen, die zugleich unabhängig und hinreichend tief im Markt verankert ist. Spätestens dann sollte gezielt die Möglichkeit eines Handelsbrauchgutachtens der Industrie- und Handelskammer ins Spiel gebracht werden.
  • Auf den Charakter des IHK-Gutachtens hinweisen: Wird eine IHK einbezogen, ist klarzustellen, dass auch hier das Sachverständigenrecht der ZPO gilt. Das Gutachten ist kein bloßer informeller Erfahrungsbericht, sondern unterliegt denselben Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Befragung wie ein anderes Sachverständigengutachten

Wichtig ist:

Es gibt keinen automatischen Standardpfad, der von der ZPO vorgegeben wird. Der Weg zur Feststellung eines Handelsbrauchs entsteht durch eine Reihe einzelner Verfahrensentscheidungen. Wer an diesen Punkten nicht aufpasst, steht später vor einem Gutachten, das den Markt anders abbildet, als er in Wirklichkeit funktioniert – mit allen Konsequenzen für den Ausgang des Verfahrens.

Wie ein IHK-Handelsbrauchgutachten entsteht – Stellung im Verfahren und praktische Abläufe

In Handelsbrauchsachen ist die Beauftragung eines Gutachtens der örtlich zuständigen Industrie- und Handelskammer ein von Gerichten oft gewählter Weg, Marktüblichkeiten zu ermitteln. Zugleich unterscheidet sich ein IHK-Gutachten deutlich vom klassischen Sachverständigengutachten einer Einzelperson. Es basiert nicht auf der persönlichen Fachkunde einer natürlichen Person, sondern auf einer strukturierten Befragung verkehrsbeteiligter Unternehmen und deren Auswertung.

Trotz dieser Besonderheit bleibt die rechtliche Einordnung klar: Auch das Handelsbrauchgutachten einer Industrie- und Handelskammer ist ein Sachverständigenbeweis im Sinn der §§ 402 ff. ZPO. Das gilt insbesondere für

  • die Bestellung als Sachverständige,
  • die Vorgaben des § 404a ZPO zur Verfahrensleitung,
  • die Pflicht zur nachvollziehbaren Begründung,
  • und natürlich die Kontrolle durch das Gericht im Rahmen von § 286 ZPO.

Es handelt sich also nicht um eine informelle „Markterkundung“, sondern um ein förmliches Beweismittel, das denselben Anforderungen an Transparenz und Überprüfbarkeit unterliegt wie ein klassisches ZPO-Sachverständigengutachten.

Ermittlungsansatz: Marktumfrage statt Einzelwissen

Der Ermittlungsansatz der IHK unterscheidet sich methodisch vom Vorgehen eines einzelnen Sachverständigen. Im Kern geht es um drei Schritte:

  • Bestimmung des relevanten Marktes und der verkehrsbeteiligten Unternehmen.
  • Befragung dieser Unternehmen zu konkreten Abläufen.
  • Auswertung der Antworten und Verdichtung zu einer Aussage über eine gefestigte Übung.

Ausgangspunkt ist die Beweisfrage des Gerichts. Sie muss so präzise sein, dass die Kammer erkennen kann, welche Geschäfte, welche Marktsegmente und welcher Zeitraum erfasst sein sollen. Je unklarer der Beweisbeschluss, desto größer die Gefahr, dass die Kammer faktisch eigene Annahmen zur Marktabgrenzung trifft, ohne dass dies im Verfahren sichtbar wird.

Auf dieser Grundlage stellt die Kammer eine Liste von Unternehmen zusammen, die den relevanten Markt abbilden sollen. Anschließend werden diese Unternehmen mit einem Fragenkatalog angeschrieben. Inhaltlich geht es um die tatsächliche Handhabung bestimmter Abläufe, nicht um Rechtsmeinungen. Die Antworten bilden die Rohdaten.

Für die Auswertung bilden die verwertbaren Antworten die Grundlage. Auf dieser Basis wird ermittelt, in welchem Umfang die behauptete Praxis tatsächlich angewandt wird. Erst wenn ein deutlicher Schwerpunkt zugunsten einer bestimmten Handhabung erkennbar ist, kann von einer gefestigten Übung gesprochen werden. Das Gutachten muss diesen Weg von der Beweisfrage über die Auswahl der Unternehmen bis zur Auswertung erkennbar machen.

Transparenz- und Kontrollanforderungen nach der ZPO

Weil ein IHK-Gutachten auf einer Umfrage beruht, stellen sich besondere Anforderungen an Transparenz und gerichtliche Kontrolle. Nach der ZPO darf das Gericht seine Überzeugung nicht auf bloße Ergebnisbehauptungen stützen. Es muss nachvollziehen können, wie das Gutachten zustande gekommen ist. Dazu gehört insbesondere:

  • Welche Unternehmen wurden gefragt und warum.
  • Wie hoch war der Rücklauf.
  • Welche Antworten wurden als verwertbar angesehen und auf welcher Grundlage.
  • Wie wurde ausgewertet.
  • Welche Schwelle wurde zugrunde gelegt, um von einer gefestigten Übung zu sprechen.

Nur wenn diese Punkte offengelegt sind, können Gericht und Parteien prüfen, ob das IHK-Gutachten den Markt tatsächlich abbildet, der im Beweisbeschluss gemeint war. Für die Partei, die sich auf einen Handelsbrauch stützt oder ihn angreifen will, ergeben sich daraus konkrete Ansatzpunkte:

  • Wurde der Markt zu weit oder zu eng gezogen.
  • Wurden typische Marktteilnehmer nicht einbezogen.
  • Sind die Fragen geeignet, den streitigen Ablauf zu erfassen.
  • Trägt die Auswertung die gezogene Schlussfolgerung.

Ein IHK-Handelsbrauchgutachten ist kein unantastbarer Weg der Feststellung. Es ist ein Sachverständigenbeweis mit besonderer Methodik, der sich im Rahmen der ZPO bewegen und sich derselben Kontrolle stellen muss wie jedes andere Gutachten auch.

Vor- und Nachteile: IHK-Gutachten oder Einzelsachverständiger?

Für die Parteien dürfte sich regelmäßig die Frage stellen, ob ein in Frage stehender Handelsbrauch besser durch ein IHK-Gutachten oder durch einen „klassischen“ Einzelsachverständigen festgestellt werden sollte. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Es kommt auf Markt, Streitgegenstand und Verfahrenslage an.

Das IHK-Gutachten hat seine Stärke in der Breite. Es beruht auf einer strukturierten Befragung verkehrsbeteiligter Unternehmen und verdichtet deren Antworten zu einem Gesamtbild. Für das Gericht ist das nachvollziehbar: Anzahl und Art der angeschriebenen Unternehmen, Rücklauf, Auswertung. Das verleiht der Feststellung eine Breitenwirkung, die sich insbesondere dann anbietet, wenn es um Märkte mit vielen typischen Akteuren und vergleichsweise homogenen Abläufen geht. Die Kehrseite: Die Methodik orientiert sich an Mehrheitsverhältnissen. Feinere Unterschiede, Sonderkonstellationen oder stark segmentierte Märkte lassen sich nur begrenzt abbilden. Zudem besteht die Gefahr, dass die Auswahl der Unternehmen und die Gestaltung der Fragen entscheidende Vorentscheidungen treffen, ohne dass dies im ersten Zugriff sichtbar wird.

Der Einzelsachverständige arbeitet naturgemäß stärker aus der Tiefe. Er bringt eigene Marktkenntnis ein, wertet Unterlagen wie Verbandsbedingungen, Musterverträge und Brancheninformationen aus und kann gezielt mit ausgewählten Marktteilnehmern sprechen. Das ist ein Vorteil in Nischenmärkten, bei hochspezialisierten Geschäftsmodellen oder dort, wo es weniger um eine breite Standardpraxis als um eine komplexe, technisch geprägte Abwicklung geht. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von der Person des Sachverständigen. Wenn die Dokumentation seiner Ermittlungen knapp bleibt und nicht erkennen lässt, wie viele und welche Marktquellen tatsächlich einbezogen wurden, ist das Gutachten angreifbar. Die Gefahr, dass „Erfahrungswissen“ und Einzelstimmen überbetont werden, ist größer als bei einer institutionalisierten Umfrage.

Für die Parteistrategie folgen daraus einige Eckpunkte:

  • In breiten, relativ homogenen Märkten mit vielen Akteuren spricht vieles für ein IHK-Gutachten, weil die Kammer die Stimmen einer Vielzahl von Unternehmen bündeln kann und Gerichte diese Form der Ermittlung erfahrungsgemäß gern heranziehen.
  • In stark spezialisierten, technisch geprägten oder sehr kleinen Märkten kann ein Einzelsachverständiger sinnvoller sein, der fachlich tief drin ist und die Besonderheiten des Segments erläutern kann.

Unabhängig vom gewählten Weg bleibt entscheidend, dass die Methodik offengelegt wird: Welche Quellen wurden genutzt, welche Unternehmen wurden einbezogen, wie wurde ausgewertet. Nur dann lässt sich das Ergebnis im Prozess bewerten und nötigenfalls konkret angreifen.

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Fazit  -Handelsbrauch im Prozess – oft prozessentscheid, aber nicht feststehend

Handelsbräuche können in wirtschaftlichen Streitigkeiten den Ausschlag geben. Sie sind aber nichts, was „einfach so“ feststeht. Ob es eine gefestigte Übung gibt, in welchem Markt sie gilt und welchen Inhalt sie hat, ist Ergebnis eines Feststellungsverfahrens. Diese Feststellung kann zutreffend sein, sie kann aber auch wegen eines zu groben Marktbegriffs, unklaren Beweisfragen, fehlerhaft ausgewählten Verkehrskreisen oder einer unzureichenden Gutachtenmethode falsch sein.

Im Geschäftsleben ist daher Aufmerksamkeit gefragt, sobald eine Seite sich auf „so läuft das bei uns in der Branche“ beruft oder eine bislang selbstverständliche Praxis plötzlich bestritten wird. Dann stellt sich die nüchterne Frage, ob es sich nur um eine Unternehmensgewohnheit oder um eine tatsächlich verbreitete, als verbindlich angesehene Übung in einem abgrenzbaren Markt handelt. Dazu gehört Klarheit über die eigene Praxis, über vertragliche Regelungen und über erkennbare Branchenstandards.

Kommt es zum Prozess, sollten die dargestellten Punkte von Beginn an berücksichtigt und möglichst gesteuert werden: Einordnung des Handelsbrauchs als Tatfrage, präzise Fassung der Beweisfrage, marktgerechte Abgrenzung der Verkehrskreise sowie Wahl und Kontrolle des Beweismittels, insbesondere eines IHK-Gutachtens. Wer diese Schritte früh im Blick hat, verhindert, dass über einen behaupteten Handelsbrauch auf der Grundlage unklarer Annahmen oder eines unpassenden Gutachtens entschieden wird.

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Insolvenzanfechtung: Rückforderung von Zahlungen

LEGAL+ NEWS

Close up detail of the scales of justice
Post vom Insolvenzverwalter: Rückforderung von Zahlungen (Insolvenzanfechtung) – Leitfaden für Unternehmen

 EINLEITUNG

Der Insolvenzverwalter fordert bereits vereinnahmte Zahlungen zurück. Grundlage ist die Insolvenzanfechtung nach §§ 129–146 InsO. Für Unternehmen geht es dann nicht um Moral, sondern um bares Geld: Lässt sich der Anspruch abwehren, reduzieren oder wirtschaftlich sauber erledigen. Dieser Beitrag ordnet die maßgeblichen Anfechtungstatbestände, erklärt deren Voraussetzungen verständlich und zeigt, wie sich ein von der Anfechtung betroffenes Unternehmen wirksam verteidigt.

RECHTLICHER AUSGANGSPUNKT

Die Anfechtung stützt sich auf §§ 129 bis 146 InsO. Anfechtbar ist eine Rechtshandlung, die andere Gläubiger benachteiligt. Rechtshandlung ist jede willensgetragene Gestaltung mit rechtlichen Wirkungen, etwa eine Zahlung oder die Bestellung einer Sicherheit. Benachteiligung liegt vor, wenn sich die Masse verringert oder der Zugriff der Gläubiger erschwert wird. Der Insolvenzverwalter muss Tatbestand und Benachteiligung substantiiert darlegen und beweisen. Das betroffene Unternehmen ist für entlastende Tatsachen darlegungs- und beweispflichtig.

TATBESTÄNDE  – VERSTÄNDLICH ERKLÄRT

§ 130 InsO (kongruente Deckung)

  • Worum es geht: Erfüllung einer fälligen, geschuldeten Forderung auf dem vereinbarten Weg.
  • Warum der Verwalter angreift: behauptete Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit.
  • Worauf es ankommt: übliche Zahlungsziele, unveränderte Kontoverbindung, keine Eskalation. Routine senkt die Anfechtungswahrscheinlichkeit.

131 InsO (inkongruente Deckung)

  • Worum es geht: Leistung, auf die so kein Anspruch bestand (z. B. vorzeitige Zahlung ohne Grundlage, ungewöhnliche Sicherheit, Leistung unter Vollstreckungsdruck).
  • Warum der Verwalter leichter durchdringt: Atypik als Krisensignal.
  • Verteidigung: Atypik als branchenüblich oder vertraglich vereinbart erklären; Gleichwertigkeit und Kausalität belegen.

132 InsO (unmittelbar benachteiligende Rechtshandlung)

  • Worum es geht: Handlungen, die ohne Zwischenschritt die Masse schmälern (z. B. nicht geschuldete Sicherheiten für Altverbindlichkeiten).
  • Verteidigung: kein Netto-Nachteil, Wertausgleich und Gegenleistung belegen.

134 InsO (unentgeltliche Leistung)

  • Worum es geht: Leistungen ohne angemessenen Gegenwert.
  • Verteidigung: Entgeltlichkeit und Gegenwert dokumentieren; echte Gegenleistung zeigen.

135 InsO (Rechtsgeschäfte mit Gesellschaftern)

  • Worum es geht: Rückzahlungen auf Gesellschafterdarlehen und Sicherheiten zugunsten von Gesellschaftern.
  • Relevanz für Lieferanten: nur, wenn Lieferant zugleich Gesellschafter ist oder nahesteht.

133 InsO (Vorsatzanfechtung)

  • Worum es geht: Rechtshandlungen mit Benachteiligungsvorsatz des Schuldners; der Gläubiger kannte den Vorsatz.
  • Indizien: dauerhafte Zahlungsstockungen, Vollstreckungsnähe, ratenähnliche Abreden mit Krisenbezug.
  • Verteidigung: Normalität der Geschäftsbeziehung, Gleichwertigkeit von Leistung und Gegenleistung, keine Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit.

142 InsO (Bargeschäft)

  • Worum es geht: gleichwertiger, zeitnaher Austausch von Leistung und Gegenleistung.
  • Bedeutung: zentrales Gegengewicht; Streit über enge Zeitnähe und Gleichwertigkeit, beides dokumentationsintensiv.

RÜCKSCHAUFRISTEN – ÜBERBLICK

  • § 130 InsO (kongruent): grundsätzlich die letzten drei Monate vor dem Insolvenzantrag.
  • § 131 InsO (inkongruent): besonders scharf im letzten Monat; im zweiten und dritten Monat nur unter zusätzlichen Voraussetzungen (u. a. Zahlungsunfähigkeit/Kenntnis).
  • § 133 InsO (Vorsatz): bis zu zehn Jahre; für Sicherungen und Befriedigungen teils auf vier Jahre begrenzt.
  • § 134 InsO (unentgeltlich): vier Jahre.
  • § 135 InsO (Gesellschafter): Rückzahlung Gesellschafterdarlehen ein Jahr; Sicherheiten teils längere Zeiträume.
    Die genaue Einordnung richtet sich nach dem konkreten Tatbestand und dem Zeitpunkt der Handlung.

DARLEGUNGS- UND BEWEISLAST – WER WAS BELEGEN MUSS

Der Insolvenzverwalter (als Vertreter der Masse) muss den geltend gemachten Anfechtungstatbestand vollständig darlegen und beweisen – einschließlich Gläubigerbenachteiligung, Art und Zeitpunkt der Rechtshandlung, (In-)Kongruenz, Zahlungsunfähigkeit im relevanten Zeitraum sowie – soweit tatbestandlich gefordert – Kenntnis bzw. Kennenmüssen auf Seiten des Anfechtungsgegners.
Das von der Anfechtung betroffene Unternehmen (Anfechtungsgegner) trägt die Darlegungs- und Beweislast nur für rechtsausschließende Einwendungen, insbesondere Bargeschäft (§ 142 InsO), konkreten Wertausgleich oder Verjährung.

Tatbestandsbezogen – präzise zusammengefasst:

  • § 130 InsO (kongruent): Verwalter belegt Deckung, Zeitraum, Zahlungsunfähigkeit und Kenntnis/Kennenmüssen; der Anfechtungsgegner legt Normalitätsbelege vor und – falls einschlägig – das Bargeschäft.
  • § 131 InsO (inkongruent): Verwalter belegt Atypik und Zeitraum (Monat 1 streng; Monate 2–3 mit Zusatzvoraussetzungen); der Anfechtungsgegner zeigt vertragliche/branchenübliche Grundlage und Gleichwertigkeit.
  • § 132 InsO (unmittelbar benachteiligend): Verwalter belegt die unmittelbare Benachteiligung; der Anfechtungsgegner weist wirtschaftlichen Wertausgleich nach.
  • § 134 InsO (unentgeltlich): Verwalter behauptet Unentgeltlichkeit; der Anfechtungsgegner belegt Entgeltlichkeit und Gegenleistung.
  • § 135 InsO (Gesellschafter): Verwalter belegt Gesellschaftertatbestand; der Anfechtungsgegner grenzt Rollen und etwaige Drittmittel ab.
  • § 133 InsO (Vorsatz): Verwalter trägt Benachteiligungsvorsatz des Schuldners und Kenntnis beim Anfechtungsgegner (meist über Indizien); der Anfechtungsgegner erschüttert die Indizkette mit Routine- und Gegenwertbelegen.
  • § 142 InsO (Bargeschäft – Einwendung): liegt vollständig beim Anfechtungsgegner; Gleichwertigkeit und enge wirtschaftliche Zeitnähe sind zu belegen.

Vermutungen und Indizien – Wirkung ohne Beweislastumkehr

Indizien wie Zahlungseinstellung, dauerhafte Zahlungsstockung, Vollstreckungsnähe oder ratenähnliche Abreden erleichtern dem Verwalter den Einstieg. Sie begründen Indizwirkung, verlagern die materielle Beweislast aber nicht. Aufgabe des Anfechtungsgegners ist es, solche Indizien substantiell zu erschüttern – durch dokumentierte Routine, projekt- oder abnahmebedingte Zahlungsmodalitäten, klare Gegenleistungen, stabile Kredit-/Limitdaten und nachvollziehbare Drittmittelwege.

Sekundäre Darlegungslast

Tatsachen aus der Sphäre des Anfechtungsgegners (z. B. Gleichwertigkeit beim Bargeschäft, interne Abnahmeprozesse, Zahlungswege über Factoring/Treuhand/Konzernclearing) lösen eine sekundäre Darlegungslast des Unternehmens aus: strukturierter Sachvortrag mit Belegen ist erforderlich. Die materielle Beweislast für den Anfechtungstatbestand verbleibt gleichwohl beim Insolvenzverwalter.

Typische Beleglagen

  • Für den Verwalter sprechen: geplatzte Lastschriften, Kontowechsel, Vollstreckungsnähe, nachträgliche Sicherheiten für Altverbindlichkeiten, E-Mails mit erkennbaren Liquiditätsproblemen.
  • Für die Abwehr sprechen: geschlossene Zeitlinie (Bestellung – Leistung/Abnahme – Rechnung – Zahlung), unveränderte Zahlungsziele/Konten, dokumentierte Gegenleistungen, vertraglich fixierte – leistungsbedingte – Raten, nachvollziehbare Drittmittelströme.
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VERTEIDIGUNGSANSÄTZE

§ 130 InsO (kongruent)

  • Ansatz: vertragliche Routine belegen, Kenntnisvorwürfe entkräften.
  • Erforderliche Unterlagen: Bestellung/Rahmenvertrag mit Zahlungsziel; Abnahme-/Leistungsnachweise; Rechnung; Zahlungsavis und Valuta; unveränderte Kontoverbindung; OP-Listen; ggf. Kreditversicherungs-/Limitdaten.
  • Kernargumente: fällige Forderung; vereinbarter Zahlungsweg; keine Vollstreckungsnähe; keine außergewöhnlichen Stundungen; keine Kenntnis/kein Kennenmüssen von Zahlungsunfähigkeit.

131 InsO (inkongruent)

  • Ansatz: Atypik vertraglich/branchenüblich erklären; wirtschaftliche Neutralität herausarbeiten.
  • Erforderliche Unterlagen: vertragliche Grundlagen für vorgezogene/gestaffelte Zahlungen/Sicherheiten; Prozessbeschreibungen; Leistungs-/Abnahmeprotokolle; Wertnachweise.
  • Kernargumente: leistungs- bzw. abnahmebedingte Abweichung; Gleichwertigkeit; keine Benachteiligung im Vorgang.

132 InsO (unmittelbar benachteiligend)

  • Ansatz: Wertausgleich und Gegenleistung im selben wirtschaftlichen Zusammenhang belegen.
  • Erforderliche Unterlagen: Bewertungsunterlagen; Gutschriften/Verrechnungen; Leistungsbelege; Verrechnungsabreden.
  • Kernargumente: kein Nettoabfluss aus der Masse; wirtschaftliche Neutralität.

134 InsO (unentgeltlich)

  • Ansatz: Entgeltlichkeit in Tatsachen auflösen.
  • Erforderliche Unterlagen: Leistungs-/Abnahmeprotokolle; Serviceberichte; Nutzennachweise; Gegenrechnungen
  • Kernargumente: konkrete, messbare Gegenleistung; kein Gefälligkeitscharakter.

135 InsO (Gesellschafter)

  • Ansatz: Rollen säubern und Drittmittel offenlegen.
  • Erforderliche Unterlagen: Gesellschafterliste/Kapitalstruktur; Darlehens- und Sicherungsverträge; Zahlungsflüsse; Drittgläubigerpositionen.
  • Kernargumente: kein Gesellschafterdarlehen bzw. externe Drittmittel; andernfalls wirtschaftliche Lösung über belastbaren Vergleich.

133 InsO (Vorsatz)

  • Ansatz: Indizkette auflösen; Geschäftsablauf als geordnet dokumentieren.
  • Erforderliche Unterlagen: Chronologie Bestellung–Leistung–Abnahme–Rechnung–Zahlung; Termin-/Projektmails; Limit-/Bonitätsunterlagen; Nachweise für Gegenleistungen; ggf. Drittmittelwege.
  • Kernargumente: keine Krisenkenntnis; projekt-/abnahmebedingte Zahlungsmodalitäten statt Liquiditätsnot; Gleichwertigkeit.

142 InsO (Bargeschäft – Einwendung)

  • Ansatz: Gleichwertigkeit und enge wirtschaftliche Zeitnähe lückenlos belegen.
  • Erforderliche Unterlagen: Bestellung; Lieferschein/Leistungsnachweis; Abnahme; Rechnung; Zahlungsavis; Valuta; ggf. Preis-/Wertgutachten.
  • Kernargumente: unmittelbarer Austausch; wirtschaftliche Gleichwertigkeit; Sperrwirkung gegen Anfechtung.

BELEGTE CHRONOLOGIE DES GESCHÄFTS – ZWECK UND UMSETZUNG

Die Chronologie des Geschäfts ist das Beweisgerüst für das betroffene Unternehmen. Sie soll prüfbar belegen, dass jede Zahlung auf einer konkreten, gleichwertigen Leistung beruht und der Ablauf vertraglich normal war. Damit trägt sie die Verteidigung (Routine, Bargeschäft, Wertausgleich, keine Kenntnis).

Was die Chronologie nachweist:

  • Vertragsbasis: Bestellung/Rahmenvertrag, Zahlungsziel, ggf. Abnahmeprozesse und Sicherheiten.
  • Gegenleistung: Lieferung/Leistung und Abnahme mit Datum und Bezug zur Bestellung.
  • Zahlungszuordnung: Rechnung und Valuta, eindeutig derselben Leistung zugeordnet.
  • Zahlungsweg: Zahlung über den vereinbarten Weg/Konto, keine Sonderwege.
  • Zeitnähe/Gleichwertigkeit (falls geltend gemacht): enger wirtschaftlicher Zusammenhang und Wertäquivalenz.
  • Wertausgleich/Drittmittel (falls relevant): Gutschrift/Verrechnung bzw. Factoring/Treuhand/Konzernclearing nachvollziehbar dargestellt.

So wird die Chronologie aufgebaut:

  • Reihenfolge der Belege: Bestellung/Rahmenvertrag → Leistungs-/Abnahmenachweis → Rechnung → Kontoauszug/Valuta (ggf. Zahlungsavis) → ggf. Gutschrift/Verrechnung → ggf. Drittmittelunterlagen.
  • Zu jedem Beleg eine knappe Verknüpfung: „bezieht sich auf Bestellung X/Position Y; betrifft Rechnung Z; Valuta am …“.
  • Abweichungen (z. B. Teilabnahmen/-zahlungen wegen Abnahmefenstern) kurz begründen und belegen.

MUSTERTEXTE FÜR DEN ERSTKONTAKT MIT DEM INSOLVENZVERWALTER


Muster 1:  Erste sachliche Erwiderung

Betreff: Ihr Schreiben vom [Datum] – Anfechtung nach InsO – Vorgang [Aktenzeichen]

Sehr geehrte Damen und Herren,

die geltend gemachte Rückgewährforderung wird dem Grunde und der Höhe nach bestritten. Der streitige Zahlungsvorgang steht in einem laufenden Leistungsaustausch. Fällige Forderungen wurden vertragsgemäß beglichen. Hinweise auf eine Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit lagen auf unserer Seite nicht vor.

Bitte übermitteln Sie die von Ihnen herangezogene Zahlungsübersicht mit Valutadaten sowie die aus Ihrer Sicht relevanten Unterlagen. Nach Eingang werden wir ergänzend Stellung nehmen.

Mit freundlichen Grüßen
[Unternehmen, Ansprechpartner, Kontaktdaten]

Muster 2: Unterlagenanforderung und Friststeuerung

Betreff: Ihr Schreiben vom [Datum] – Anfechtung nach InsO – Vorgang [Aktenzeichen] – Unterlagenanforderung / Frist

Sehr geehrte Damen und Herren,

zur sachgerechten Prüfung benötigen wir die folgenden Unterlagen und Angaben:
– Zahlungsaufstellung mit Buchungs- und Valutadaten, Zuordnung zu Rechnungen/Leistungen,
– die von Ihnen herangezogenen Indizien zur behaupteten Zahlungsunfähigkeit im relevanten Zeitraum,
– Hinweise auf etwaige Zwangsvollstreckungsmaßnahmen, Ratenabreden oder Sicherheitsbestellungen, auf die Sie sich stützen.

Bitte übersenden Sie die Unterlagen zeitnah. Die von Ihnen gesetzte Frist bitten wir bis auf Weiteres zu verlängern. Eine abschließende Stellungnahme erfolgt nach Auswertung der Unterlagen.

Mit freundlichen Grüßen
[Unternehmen, Ansprechpartner, Kontaktdaten]

DREI BEISPIELHAFTE PRAXISFÄLLE


Kongruente Zahlung im Projektablauf

Ein Unternehmen liefert Spezialteile nach Meilensteinen. Rechnung wird nach Abnahme fällig und innerhalb des vereinbarten Zieles bezahlt. Es gab keine Mahnspirale, keine Vollstreckung, keine Kontowechsel. Der Verwalter argumentiert mit angeblicher Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit. Die Chronologie zeigt Routine: Bestellung, Abnahme, Rechnung, Zahlung.

Ergebnis:

Angriff scheitert oder führt zu einer sehr niedrigen Quote.

Ratenabrede aus Leistungsgründen

Großprojekt, ein hoher Einzelbetrag wird in mehreren Tranchen abgerechnet, weil Abnahmen nur in definierten Produktionsfenstern stattfinden. Das ist vertraglich dokumentiert. Keine E-Mails mit Liquiditätsklagen, sondern Termin- und Abnahmeabsprachen. Der Verwalter will eine Krisenbeziehung konstruieren. Die Unterlagen zeigen das Gegenteil.

Ergebnis:

Vertretbare Einigung oder Abwehr, je nach Nachweislage.

Bargeschäft bei Ersatzteillieferung

Expresslieferung kritischer Ersatzteile. Zahlung kurz nach Lieferung. Abnahme- und Servicenachweise lückenlos, Zahlungsavis und Valuta belegt. Gleichwertigkeit und enge zeitliche Klammer sind klar.

Ergebnis:

Anfechtung scheitert am Bargeschäft.

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Ich vertrete Unternehmen bei Insolvenzanfechtungen und führe die Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter. Ziel ist eine belastbare Lösung: Abwehr, Reduktion, saubere Erledigung.

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Was machen sog. Mediaagenturen? – Eine Analyse der im Mediageschäft üblichen Vertragsverhältnisse.

Das Vertragsverhältnis zwischen Mediaagenturen und Werbekunden wird schon lange kontrovers diskutiert. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob Mediaagenturen auf einer eigenen Wirtschaftsstufe stehen oder aber als Geschäftsbesorger der Werbekunden zu qualifizieren sind. Prominentester Fall, der hierzu geführt hatte, ist Alexander Ruzicka, der zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war, weil  er zu Lasten der Mediaagentur (und damit letztlich auch zu Lasten der Werbekunden), deren Geschäftsführung er damals innehatte, von den Medien erhaltene Rabatte und sonstige Vergünstigungen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben soll. Spätestens dieser pressewirksame Prozess hat die Praxis der Mediaagenturen insgesamt, insbesondere Umfang und Behandlung der Vergünstigungen (“Kick backs”, Freespots etc.), die seitens der Medien gewährt wurden und werden,  zu einem großen Thema werden lassen. Diskutiert wird vor dem Hintergrund der auffälligen  Intransparenz des “Systems”  insbesondere darüber Art und Umfang der gewährten Rabatte sowie nicht zuletzt über die Frage, wem diese Rabatte zustehen.

Im Folgenden soll überblicksmäßig dargestellt werden, wie die im Mediageschäft existenten Vertragsverhältnisse zivilrechtlich zu beurteilen sind.

Vorüberlegung zur Tätigkeit von Mediaagenturen

Hauptgegenstand des Vertragsverhältnisses Mediaagentur/Medien ist die Platzierung der Werbung der Werbekunden. Mithin erfolgt – jedenfalls rein tatsächlich – seitens der Mediaagenturen eine “Vermittlung” von Werbung zwischen Werbungskunde und Medien. Mit Blick auf Vorstehendes, erscheint es jedenfalls denkbar, dass das Vertragsverhältnis Werbungskunde/Mediaagentur Einfluss hat auf das Vertragsverhältnis Mediaagentur/Medien. Es erscheint deshalb vorliegend sinnvoll, zunächst das Vertragsverhältnis zwischen den Mediaagenturen mit den Werbekunden zu betrachten:

Vertragsverhältnis Werbungskunde/Mediaagentur

Meinungsstand: Geschäftsbesorgungsvertrag i.S.d. § 675 BGB versus “Eigene Wirtschaftsstufe” (Eigenhändler)

Geschäftsbesorgungsvertrag i.S.d. § 675 BGB

Mit Blick auf den Inhalt des Vertragsverhältnisses, nämlich Mediaeinkauf und Mediaabwicklung, Mediaplanung, Mediaberatung und Mediaanalyse, wird es herkömmlich dem Geschäftsbesorgungsrecht (§ 675 BGB) zugeordnet: Der Werbungskunde wirbt nicht selbst, sondern er lässt werben. Diese Tätigkeit entspricht der (noch) herrschenden Meinung zum Begriff der “Geschäftsbesorgung” i.S.d. ” 675 BGB, wonach der Geschäftsbesorger gegenüber dem Geschäftsherrn dazu verpflichtet ist, eine selbstständige Tätigkeit wirtschaftlicher Art zur Wahrnehmung fremder Vermögensinteressen auszuführen (vgl. BGH Urteil vom 16.6.2016, Az. III ZR 282/14NJW-RR 2016, 1391; Münchener Kommentar zum BGB, 5. Auflage, § 675, Rn. 3 ff. m.w.N).

Vorgenannter Definition entspricht bis heute die Tätigkeit der Mediaagenturen, die von den Mediaagenturen im Sinne vorgenannter Definition der herrschenden Meinung eigenständig – nämlich mangels abweichender Vereinbarung im eigenen Namen und auf eigene Rechnung – jedenfalls auch in Wahrnehmung der Vermögensinteressen der Werbungskunden durchgeführt wird (vgl. Martinek, Mediaagenturen und Mediarabatte, 2008, S. 27; ders. jM 2015, 6, 9 f., 13f.). Diese Einordnung wird auch im Gutachten des BGH Richters a.D. Dr. Gerhard Schäfer vom 31.1.2009  bestätigt.

Diese Geschäftsbesorgungsverträge sind – je nach inhaltlicher Ausgestaltung – dem Dienst- (§ 611 BGB) oder Werkvertragsrecht (§ 631 BGB) zuzuordnen. Ein Werkvertrag dürfte vorliegen, wen – erfolgsbezogen – eine Einzelmaßnahme Gegenstand des Vertrages ist, um einen Dienstvertrag dürfte es sich handeln, wenn es sich um einen rein zeitlich und/oder gegenständlich abgesteckten Vertrag handelt.

 “Eigene Wirtschaftsstufe”

Vorstehend dargestellter herrschenden Meinung steht die von den Mediaagenturen selbst vertretene und von nicht ungewichtigen Stimmen der Literatur (insb. Prof. Michael Martinek, aaO.) unterstützte Auffassung gegenüber, wonach die Vorschriften des Auftragsrechts, mithin auch das Geschäftsbesorgungsrecht, mit Blick auf die über Jahrzehnte herausgebildete Praxis des Mediaagenturgeschäfts zu einer “Entfremdung” vom Leitbild des Geschäftsbesorgers geführt habe mit der Folge, dass das Geschäftsbesorgungsrecht unanwendbar bleiben solle. Diese Auffassung wird vor allem darauf gestützt, dass die Mediaagenturen mittlerweile eine “eigene Wirtschaftsstufe” darstellen würden, mithin die Einordnung der Mediaagenturen als  “Mittler” nicht mehr passend sei.

Diese Auffassung wird im Wesentlichen auf folgende Umstände der Mediageschäftspraxis gestützt:

  • Handeln im eigenen Namen und auf eigene Rechnung: Unternehmerisches RisikoDie Mediaagenturen handeln, soweit nicht einzelvertraglich anders vereinbart, im eigenen Namen und auf eigene Rechnung. Das bedeutet, dass sie auch das unternehmerische Risiko aus der Schaltung von Werbemaßnahmen in den Medien tragen wie beispielsweise Zahlung der Schaltkosten auch bei Insolvenz oder Zahlungsweigerung des Kunden. Ihrem Auftraggeber gegenüber haften sie für Fehler des Mediums, etwa bei nicht rechtzeitigem oder fehlerhaftem Abdruck der Anzeige.
  • Vergütungssystem: Angewiesen sein auf außertarifliche RabatteIn der Praxis verlangen die Werbekunden von den Mediaagenturen die Herausgabe bzw. die Weiterleitung der von den Medien erhaltenen Mediaprovision (Agenturvergütung, AE-Provision). Dies geschieht praktisch in der Regel mittels eines Verrechnungsvorgangs: Der Werbekunde vereinbart mit der Mediaagentur eine Vergütung in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes vom Mediaschaltvolumen; der Prozentsatz liegt in der Realität zwischen 0,8 und 2,0%. Den Rest der 15%igen AE-Provision verwendet der Werbekunde zu einem Teil für die Vergütung der Kreativagentur (etwa 7%) und den verbleibenden Teil behält er selbst.

    Den Mediaagenturen verbleiben also von der ihnen medienseits gewährten Agenturvergütung nur ein kleiner Bruchteil. Sie sehen sich deshalb zur Erreichung ihrer kaufmännischen Ziele für ihr Unternehmen veranlasst, von den Medien für Zusatzleistungen oder auch für die Bündelung der Budgets mehrerer Kunden zusätzliches Einkommen in Form von außertariflichen Rabatten, Boni oder Vergütungen zu generieren.

    Aus vorgenannten Umständen, die im Tatsächlichen kaum angezweifelt werden können, wird zunehmend gefolgert, dass hier jedenfalls keine typische Geschäftsbesorgung i.S.d. § 675 BGB gegeben sei. So stehe die eigene Vermittlungstätigkeit in Geschäft der Mediaagenturen heute eher im Hintergrund.

Würdigung

Wenn ein Dienstvertrag oder ein Werkvertrag eine “Geschäftsbesorgung” zum Gegenstand hat, ist der Beauftragte verpflichtet, dem Auftraggeber alles, was er aus der Geschäftsbesorgung erlangt, herauszugeben (§ 675 Abs. 1 i.V. mit § 667 BGB). Hierin liegt die Relevanz des Meinungsstreites:

Die Auffassung, dass die Mediaagenturen als eigene Wirtschaftsstufe keine Geschäftsbesorgung mehr nach dem Leitbild des BGB betreiben, verdient Beachtung. Die Mediaagenturen betreiben zum wohl größeren Teil ein eigenes Geschäft auf eigener Wirtschaftsstufe. Das Betreiben dieses eigenen Geschäfts kann in der Tat als eine Notwendigkeit bezeichnet werden, die daraus resultiert, dass die Werbekunden regelmäßig mit Erfolg die Durchleitung der tariflichen Rabatte durchsetzen. Eigenes Einkommen können die Mediaagenturen vor diesem Hintergrund nur auf andere Weise, z.B. durch Aushandeln von kundenunabhängigen, nur ihnen gebührenden Rabatten, generieren.

Dennoch gilt gemäß dem bereits oben angeführten aktuellen Urteil des BGH vom 16.6.2016 (Az. III ZR 282/14NJW-RR 2016, 1391), dass im Zweifel eine Weiterleitungspflicht anzunehmen ist, weil nach seiner Auffassung die Mediaagentur ein „typischer Geschäftsbesorger“ sei. Die Leitsätze des BGH lauten (NJW-RR 2016, 1391, beck-online):

1.Mediaagenturverträge sind ihrer Rechtsnatur nach regelmäßig als Geschäftsbesorgungsverträge zu qualifizieren, bei denen sich der eine Teil (Mediaagentur) zur Ausführung einer selbständigen wirtschaftlichen Tätigkeit zur Wahrung fremder Vermögensinteressen (insbesondere Mediaplanung und -einkauf) und der andere Teil (werbungtreibender Kunde) zur Zahlung eines Entgelts verpflichtet.

2.Tritt die Mediaagentur bei den Mediabuchungen im eigenen Namen, aber für Rechnung des Auftraggebers auf, vereinnahmt sie zwar als Vertragspartnerin der Medien zunächst auch sämtliche Rabatte und sonstigen Vergünstigungen; wegen ihres Status als typische Geschäftsbesorgerin unterliegt sie jedoch den Auskunfts- und Herausgabepflichten nach §§ 666667 Alt. 2 BGB.

3.Der Umstand, dass ein Sondervorteil nicht unmittelbar an den Auftragnehmer, sondern an einen Dritten geleistet wird, schließt es nicht aus, dass der Auftragnehmer die Herausgabe schuldet. Entscheidend ist, ob eine Gesamtwürdigung der Umstände des Einzelfalls ergibt, dass der Beauftragte als der wirtschaftliche Inhaber des Vermögenswerts anzusehen ist (im Anschluss an BGH, NJW 1987, 1380).

 Aus Leitsatz 3 ergibt sich, dass die Herausgabepflicht anhand der Umstände des Einzelfalles zu würdigen ist. Hiermit im Einklang hat das OLG München mit Urteil vom 23.12.2009 (Az. 7 U 3044/09) ausdrücklich festgestellt, dass die Weiterleitungspflicht (Herausgabepflicht) von Rabatten und Vergünstigungen individualvertraglich geregelt werden kann. Dies sollten die Parteien tun, um den oben beschriebenen Meinungsstreit zu umgehen.

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Der Verstoß gegen eine internationale Gerichtsstandsvereinbarung kann schadensersatzpflichtig machen! – Zum Urteil des BGH vom 17.10.2019 (Az. III ZR 42/19)

LEGAL+ NEWS

Ratgeber Internationales Zivilprozessrecht: Der Verstoß gegen eine internationale Gerichtsstandsvereinbarung kann schadensersatzpflichtig machen! – Zum Urteil des BGH vom 17.10.2019 (Az. III ZR 42/19)

Problembeschreibung

Internationale Gerichtsstandsvereinbarungen, gerade wenn ihnen eine ausschließliche Geltung zukommen soll, haben in aller Regel nicht zuletzt den Zweck, die von der Vereinbarung begünstigte Partei vor oft sehr erheblichen Kosten eines Rechtsstreits in der Fremde zu schützen.

 

Leider ist es aber keine Seltenheit, dass der andere Vertragspartner im Streitfall von der Gerichtsstandsvereinbarung plötzlich nichts mehr wissen will. Hintergrund eines solchen an sich unredlichen Vorgehens ist – auf der Hand liegend – nicht zuletzt das Erpressungspotential, das sich mit einem solchen Vorgehen verbindet. Denn die sich – unter Verstoß gegen die Gerichtsstandsvereinbarung – einer ausländischen Klage ausgesetzt sehende Partei ist zur Vermeidung von Rechtsnachteilen regelmäßig gezwungen, im Ausland über Anwälte tätig zu werden. Dies wiederum ist oftmals sehr teuer, wobei hierbei die USA das wohl prominenteste Beispiel darstellen.

 

Der BGH ist deutschen Betroffenen in einem sehr bedeutsamen, vielen noch unbekannten Urteil „zur Seite gesprungen“ und hat zu deren Gunsten geurteilt, dass der Verstoß eine ausschließliche Gerichtsstandsvereinbarung in der Regel zum Schadensersatz verpflichtet. Das Urteil betrifft einen deutsch-amerikanischen Fall, erscheint nach Auffassung des Autors jedoch auf andere Drittlandskonstellationen übertragbar.

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BGH-Urteil vom 17.10.2019; Az. III ZR 42/19; BGHZ 223, 269

Mit Urteil vom 17.10.2019 hat der BGH entschieden, dass ein US-Kläger, der unter Missachtung einer Gerichtsstandsvereinbarung in den USA eine Klage erhebt, der anderen Partei zum Schadensersatz hinsichtlich der durch diese Klage entstehenden Kosten verpflichtet ist (vgl. BGH-Urteil vom 17.10.2019; Az. III ZR 42/19; BGHZ 223, 269). Die einprägsamen Leitsätze des Urteils lauten:

  1. Die Vereinbarung eines inländischen Gerichtsstands kann eine Verpflichtung begründen, Klagen nur an diesem Gerichtsstand zu erheben.
  2. Verletzt eine Vertragspartei schuldhaft diese Verpflichtung durch die Klage vor einem US-amerikanischen Gericht, das die Klage wegen fehlender Zuständigkeit abweist und entsprechend US-amerikanischem Prozessrecht („American rule of costs“) eine Kostenerstattung nicht anordnet, ist sie gemäß § 280 Abs. 1 BGB verpflichtet, der anderen Partei die Kosten der zweckentsprechenden Rechtsverteidigung zu ersetzen.

Die Lektüre der Entscheidungsgründe legt nahe, dass gemäß BGH in so gut wie jede internationale Gerichtsstandsvereinbarung – über die rein prozessuale Vereinbarung eines Gerichtsstandes hinaus – auch die materielle Pflicht hineinzulesen ist, sich an diese Vereinbarung auch zu halten:

Ausgangslage

Bisher wurde Gerichtsstandsvereinbarungen von Juristen nur eine prozessuale Wirkung zugeschrieben. Demnach beschränkte sich ihre Bedeutung auf die Begründung und/oder den Ausschluss einer bestimmten Gerichtszuständigkeit.

Eine darüberhinausgehende verpflichtende Wirkung wurde hingegen abgelehnt, sodass Klagen, die gegen eine solche Vereinbarung verstießen, keinen Schadensersatzanspruch nach § 280 BGB auslösen konnten. Besonders problematisch war dies in Fällen, in denen unter Verstoß gegen die Gerichtsstandsvereinbarung Klagen in Ländern ohne prozessualen Kostenerstattungsanspruch erhoben wurden. So ist beispielsweise gemäß der „American Rule of Costs“ in den USA die Erstattung von Anwaltskosten der obsiegenden Partei ausgeschlossen. Mit Blick auf die in den USA bekanntermaßen besonders horrenden Anwaltshonorare ist dies für den Betroffenen besonders bitter.

Von dieser Sichtweise ist der BGH nun – sehr begrüßenswert – abgekommen.

Keine grundsätzlichen Bedenken gegen materiell-rechtlichen Bestandteil

Schon nach der früheren Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs handelt es sich bei einer Gerichtsstandsvereinbarung um einen materiell-rechtlichen Vertrag über prozessrechtliche Beziehungen.

Den Parteien ist es, wie der BGH zutreffend ausführt, im Rahmen der Vertragsfreiheit ohne weiteres möglich, in einem Vertrag neben rein prozessualen Verpflichtungen ergänzend auch materielle Pflichten zu vereinbaren.

Hierzu stellt der BGH zunächst fest, dass eine solche Annahme mit Blick auf das nationale und auch europäische Zivilprozessrecht keinen Bedenken begegnen würde, da der materiell-rechtliche Teil der Vereinbarung außerhalb des Anwendungsbereichs der Zivilprozessordnung und der EuGVVO liege.

Dies gelte in Drittlandsfällen ohne weiteres auch mit Blick auf die Rechtsprechung des europäischen Gerichtshofs zu sog. „anti-suit-injunctions“, da dann der innerhalb der EU geltende Grundsatz des gegenseitigen Vertrauens nicht berührt sei. Im Übrigen seien so oder so dann keine Wertungswidersprüche erkennbar, wenn das derogierte Gericht, also das unter Verstoß gegen die Gerichtsstandsvereinbarung angerufene Gericht, in Kenntnis aller relevanten Umstände seine Zuständigkeit verneint hat.

In Gerichtsstandsvereinbarungen kann ein schuldrechtlich verpflichtender Inhalt hineingelesen werden

Ein schuldrechtlicher Inhalt kann gemäß der sehr überzeugenden Ausführungen des BGH in eine Gerichtsstandsvereinbarung im Wege der Auslegung hineingelesen werden.

Hierzu stellt der BGH zunächst fest, dass eine Gerichtsstandsvereinbarung „nach ihrem objektiven Inhalt und typischen Sinn unter Abwägung der Interessen der beteiligten Kreise von einem redlichen und verständigen Vertragspartner“ dahin zu verstehen ist, dass damit die gemäß § 280 Abs. 1 BGB sanktionierte schuldrechtliche Verpflichtung eingegangen worden ist, nicht an einem anderen Gerichtsstand als dem Vereinbarten zu klagen.

Zitierenswert ist folgende Passage des Urteils, in der sich der BGH mit der typischen Interessenlage der Parteien auseinandersetzt (Rn. 37 des Urteils):

„Die Vereinbarung des auf den Vertrag anwendbaren Rechts sowie eines Gerichtsstands bringt das Interesse beider Parteien zum Ausdruck, Rechtsstreitigkeiten sowohl in materiell-rechtlicher als auch in prozessualer Hinsicht planbar zu machen. Mit ihr wollen gerade die im internationalen Rechtsverkehr tätigen Vertragsparteien Rechtssicherheit schaffen und – auch wirtschaftliche – Prozessrisiken berechenbar machen (Eichel aaO S. 224). Sie bezwecken mit der Festlegung auf einen konkreten Gerichtsort die Auswahl eines bestimmten Gerichtsstands und wollen insbesondere ein nachträgliches forum shopping durch eine Vertragspartei verhindern.“

Schutzbedürftigkeit der betroffenen Partei

Diese typische und dabei schützenswerte Interessenlage beinhalt auch, unnötige Kosten für die Anrufung eines unzuständigen Gerichts zu vermeiden. Der  Schutzzweck einer solchen Vereinbarung kann, wenn er durch die Anrufung eines Gerichts unter Verstoß gegen die Vereinbarung konterkariert wird, nur dadurch verwirklicht werden, dass der dadurch belasteten Partei ein Anspruch auf Kostenerstattung zugestanden wird.

Es bestehe nach den Zwecken der oben genannten Prinzipien kein Grund dafür, eine Partei, die unter Verstoß gegen die Vereinbarung eines inländischen Gerichtsstands ein ausländisches Gericht anruft, vor den materiell-rechtlichen Kostenfolgen zu schützen, die sie bei einem reinen Inlandssachverhalt – unabhängig von der Rechtswidrigkeit ihres Vorgehens – im Fall ihres Unterliegens nach dem Prozessrecht zu tragen hätte.

Die dargestellte Schutzbedürftigkeit ausschließlicher Gerichtsstandsvereinbarungen werde auch durch Art. 31 Abs. 2 und 3 der EuGVVO bestätigt, wobei der Anwendungsbereich dieser Regelung nur begrenzt und ihr Schutz hinsichtlich der Kostenfolgen der Anrufung eines unzuständigen Gerichts auch unzureichend ist.

Fazit des BGH

Nach allem sieht der BGH in einer Klage, die vom vereinbarten internationalen Gerichtsstand abweicht, einen zum Schadensersatz verpflichtenden Pflichtverstoß; dies jedenfalls dann, wenn es sich um einen Drittlandsfall (Nicht-EU) handelt und das Drittland keinen ausreichenden Erstattungsanspruch vorsieht.

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Bewertung

Das BGH-Urteil hat Bedeutung nicht nur bei Klagen in US-Fällen.

Zumindest bei Verträgen mit Partnern aus Nicht-EU-Staaten empfiehlt sich im Falle einer Verletzung der getroffenen, ausschließlichen Gerichtsstandsvereinbarung die Prüfung des vom BGH bejahten Schadensersatzanspruchs hinsichtlich der Kosten, die eine Rechtsverteidigung im Drittland ausgelöst hat und deren Erstattung vom dortigen Prozessrecht nicht abgedeckt ist.

Aber auch bei reinen EU-Sachverhalten erscheint nach Auffassung des Autors auf Basis des oben besprochenen BGH-Urteils ein materiell-rechtlicher Schadensersatzanspruch möglich.

Eine unter Verstoß gegen eine ausschließliche Gerichtsstandsvereinbarung erhobene Klage zwingt die von der Gerichtsstandsvereinbarung begünstigte Partei vertragswidrig dazu, sich in einem fremden Rechtskreis zu – jedenfalls aus deutscher Sicht – oft deutlich höheren Kosten mit dem Vertragspartner auseinanderzusetzen.  Oftmals wird in diesen Fällen der Kostenerstattungsanspruch, den das vertragswidrig angerufene Gericht zuspricht, nicht ausreichen, um die für die Rechtsverteidigung „in der Fremde“ erforderlich gewordenen Kosten zu decken. Wie vom BGH selbst zutreffend bemerkt, sieht auch der EU-Gesetzgeber eine besondere Schutzbedürftigkeit der von einer ausschließlichen Gerichtsstandsvereinbarung begünstigten Partei.  Die hierauf zurückgehende Regelung des Art.  31 Abs. 2 der EUGVVO reicht aber allein nicht aus, da sie eine unzulässig erhobene Klage zwar „stoppen“ hilft, aber eben nicht gewährleistet, dass die betroffene Partei tatsächlich alle Kosten erstattet erhält.

Zu den Möglichkeiten im Übrigen, sich gegen Klagen, die unter Verstoß gegen eine ausschließliche Gerichtsstandsvereinbarung erhoben werden, zu Wehr zu setzen, lesen Sie hier!

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Schätzung fiktiver Mängelbeseitigungskosten

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BGH-Urteil vom 11. März 2022 - V ZR 35/21: Kriterien für die gerichtliche Schätzung fiktiver Mängelbeseitigungskosten

Problemstellung

Bereits seit einiger Zeit ist durch eine Grundsatzentscheidung des BGH geklärt, dass der kaufvertragliche Anspruch auf Schadensersatz statt der Leistung gemäß den §§ 437 Nr. 3, 280, 281 BGB anhand der voraussichtlich erforderlichen, aber noch nicht aufgewendeten „fiktiven“ Mängelbeseitigungskosten bemessen werden kann, vgl. BGH-Urteil vom 12.03.2021, Az. V ZR 33/19.

Für die Praxis ist hieran anknüpfend von besonderer Relevanz, wie das im Einzelfall zur Entscheidung berufene Gericht die Höhe solcher fiktiven Schadenskosten zu bestimmen hat.  Ausgangspunkt hierfür bildet § 287 Abs. 1 ZPO, der wie folgt lautet:

„Ist unter den Parteien streitig, ob ein Schaden entstanden sei und wie hoch sich der Schaden oder ein zu ersetzendes Interesse belaufe, so entscheidet hierüber das Gericht unter Würdigung aller Umstände nach freier Überzeugung. Ob und inwieweit eine beantragte Beweisaufnahme oder von Amts wegen die Begutachtung durch Sachverständige anzuordnen sei, bleibt dem Ermessen des Gerichts überlassen. (…)“

Ungeklärt war bisher, nach welchen Grundsätzen das Gericht den vorzitierten § 287 Abs. 1 ZPO im konkreten Fall anzuwenden hat.

In einer neueren Entscheidung vom 11. März 2022 (Az. V ZR 35/21) hat der BGH den Instanzgerichten wertvolle Kriterien an die Hand gegeben.

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Das Urteil

Seiner Entscheidung vom 11. März 2022 (Az. V ZR 35/2) lag verkürzt folgender Sachverhalt zugrunde:

Streitgegenstand bildete der Kaufvertrag über ein Grundstück. Die Verkäufer hatten gegenüber den Käufern verschwiegen, dass die Außenabdichtung des Kellers unvollständig ist, und verlangten entsprechend Schadensersatz in Form fiktiver Mängelbeseitigungskosten.

Das Erstgericht hatte die Beklagten in Höhe fiktiver Mängelbeseitigungskosten von 144.800 Euro verurteilt. Das Berufungsgericht hat diesen Betrag auf 97.556 Euro herabgesetzt und die Revision mit Blick auf die Anspruchshöhe zugelassen.

Grundlage der vom Erst- sowie auch dem Berufungsgericht vorgenommenen Schätzung bildete ein Sachverständigengutachten, wonach zwei Mängelbeseitigungsvarianten in Betracht kamen. Nach der kostengünstigeren Variante A wäre die Unvollständigkeit der Abdichtung nicht vollständig zu beseitigen, nach der teureren Variante B mit Kosten von 138.920 Euro wäre Abdichtung vollständig möglich. Das Berufungsgericht hat angenommen, dass sich die Kläger mit Variante A nicht zufriedengeben müssten, allerdings sei ihren zu Lasten die vom Sachverständigen genannte Schätzungenauigkeit von +/- 30% zu berücksichtigen, da den Klägern nur das zuerkannt werden könne, was an Mängelbeseitigungskosten „sicher anfallen würde“. Unsicherheiten bei der Ermittlung der Mangelbeseitigungskosten dürften nicht zulasten des Schädigers gehen.

Der BGH hat in seiner Entscheidung zunächst die Annahme des Berufungsgerichts bestätigt, dass sich die Anspruchsteller nicht mit der kostengünstigsten Variante zufriedengeben müssten. Gleiches gilt für den abgelehnten Abzug „neu für alt“.

Im Übrigen aber hat er die Annahmen des Berufungsgerichts zur Bestimmung der konkreten Schadenshöhe als rechtlich nicht haltbar zurückgewiesen. Der BGH hat ausgeführt:

„Im Ausgangspunkt zutreffend nimmt das Berufungsgericht an, dass der kaufvertragliche Anspruch auf Schadensersatz statt der Leistung (kleiner Schadensersatz) gemäß den §§ 437 Nr. 3, 280, 281 BGB anhand der voraussichtlich erforderlichen, aber noch nicht aufgewendeten „fiktiven“ Mängelbeseitigungskosten bemessen werden kann.

Mit der Begründung des Berufungsgerichts können bei der Bemessung der Höhe des Schadensersatzanspruchs die durch den Sachverständigen ermittelten Kosten für die notwendigen Sanierungsarbeiten allerdings nicht um 30% gekürzt werden.

Den zur Mängelbeseitigung erforderlichen Betrag hat das Gericht gemäß § 287 Abs. 1 ZPO unter Würdigung aller Umstände nach freier Überzeugung zu ermitteln.

(…)

Das Berufungsgericht überspannt das Maß notwendiger Überzeugung im Rahmen des § 287 Abs. 1 ZPO und verkennt damit Rechtsgrundsätze der Schadensbemessung.

Steht der geltend gemachte Schadensersatzanspruch dem Grunde nach fest und bedarf es lediglich der Ausfüllung zur Höhe, kommt dem Geschädigten die Beweiserleichterung des § 287 ZPO zugute. Im Unterschied zu den strengen Anforderungen des § 286 Abs. 1 ZPO reicht bei der Entscheidung über die Schadenshöhe eine erhebliche, auf gesicherter Grundlage beruhende Wahrscheinlichkeit für die richterliche Überzeugungsbildung aus; dabei soll die Schätzung möglichst nahe an die Wirklichkeit heranführen.

Das hat das Berufungsgericht verkannt. Es meint, es dürfe nur der Betrag ausgeurteilt werden, der im Rahmen der vorzunehmenden Schätzung für die Mängelbeseitigung sicher anfalle, so dass bei einer Schätzungsbandbreite regelmäßig nur der untere Betrag als Schaden ausgeurteilt werden könne. Zu Unrecht fordert es damit für die von ihm vorzunehmende Schadensbemessung eine sogar im Rahmen des § 286 ZPO nicht erforderliche absolute Gewissheit. Zwar dürfen auch bei einer Schätzung gemäß § 287 ZPO Zweifel an der Höhe der zur Mängelbeseitigung erforderlichen Kosten im Grundsatz nicht zulasten des Schädigers gehen (vgl. BGH, Urt. v. 10.04.2003 – VII ZR 251/02NJW-RR 2003, 878, 879; OLG Celle, Urt. v. 17.01.2013 – 16 U 94/11BauR 2014, 134, 139). Es liegt aber in der Natur der Sache, dass bei der fiktiven Berechnung der für die Schadensbeseitigung erforderlichen Sanierungskosten eine (gewisse) Unsicherheit verbleibt, ob der objektiv zur Herstellung erforderliche (ex ante zu bemessende) Betrag demjenigen entspricht, der bei einer tatsächlichen Durchführung der Reparatur angefallen wäre oder anfallen würde. Wird der kaufvertragliche Anspruch auf Schadensersatz statt der Leistung (kleiner Schadensersatz) gemäß den §§ 437 Nr. 3, 280, 281 BGB anhand der voraussichtlich erforderlichen, aber (noch) nicht aufgewendeten („fiktiven“) Mängelbeseitigungskosten bemessen, hat das Gericht daher eine Schadensermittlung nach den Grundsätzen des § 287 Abs. 1 ZPO vorzunehmen und insoweit zu prüfen, in welcher Höhe ein Schaden überwiegend wahrscheinlich ist. Das gilt auch und gerade dann, wenn in einem Sachverständigengutachten eine Schätzungsbandbreite genannt wird. (…)“

Als Konsequenz vorzitierter Mängel hat der BGH den Fall zur erneuten Prüfung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen

Fazit

Mit dieser Entscheidung hat der BGH zunächst bestätigt, dass für die Ermittlung der fiktiven Schadenshöhe § 287 ZPO maßgeblich ist. Für die richterliche Überzeugungsbildung genügt hierbei eine

„erhebliche, auf eine gesicherte Grundlage beruhende Wahrscheinlichkeit.“

Ein am Ende verbleibender Rest Unsicherheit liegt in der Natur der erleichterten Schadensermittlung nach § 287 ZPO. Hieraus folgt für die Instanzgerichte, dass es gerade nicht zulässig ist, als Schaden den vom Sachverständigen benannten Minimalbetrag anzunehmen. Das Gericht hat sich richtigerweise an den höchstwahrscheinlich zur Mängelbeseitigung erforderlichen Betrag heranzutasten. Für Anspruchssteller bedeutet dies, dass es ratsam sein kann, zur Bestimmung der „wahrscheinlichen Kosten“ einen eignen Sachverständigen unterstützend hinzuzuziehen.

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EUGH-Urteil „LKW Walter“

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EUGH-Urteil „LKW Walter“ zu Artikel 8 EUZVO 2007: Frist zur Annahmeverweigerung einer Zustellung aus dem europäischen Ausland und nationale Fristen

Problemstellung

Die im Ausgangspunkt sehr zu begrüßende Möglichkeit, auch im grenzüberscheitenden EU-Geschäftsverkehr eigene Rechte möglichst einfach und schnell durchsetzen zu können, birgt einige Tücken. Die Erfahrungen des Verfassers zeigen, dass die Wirtschaftsbeteiligten im Falle des Eingangs rechtlich relevanter Post aus dem Ausland oftmals überfordert sind. Dies hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die aus dem Ausland eingehenden gerichtlichen Schriftstücke nicht selten den europarechtlichen Anforderungen nicht entsprechen. So sieht Art. 8 der Europäische Zustellungsverordnung 2007 (Verordnung Nr. 1393/2007 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13.11.2007 über die Zustellung gerichtlicher und außergerichtlicher Schriftstücke in Zivil- oder Handelssachen in den Mitgliedstaaten; kurz: EUZVO 2007) vor, dass jedem Schriftstück, das Gerichte innerhalb der EU zustellen wollen, ein im Anhang der Verordnung vorgegebenes Formblatt beizufügen ist, aus dem sich die wichtigen Rechte des Empfängers ergeben. Ohne dieses Formblatt ist die Zustellung unwirksam, Fristen beginnen nicht zu laufen. Weiterhin sieht Art. 8 der EUZVO vor, dass dem Empfänger das Recht zu steht, die Annahme zu verweigern oder das Schriftstück binnen einer Woche zurückzusenden, wenn er es nicht verstehen kann. Dieser Fall ist sehr praxisrelevant, weil es eher Regel als Ausnahme ist, dass die Schriftstücke ohne Übersetzung in die Sprache des Empfängers auf den Weg gebracht werden.

Mit letzterem Schutzrecht des Empfängers – der einwöchigen Überlegungsfrist – hat sich jüngst der EUGH in seinem Urteil vom 7.7.2022 (C-7/21; „LKW Walter“) mit Blick auf die bedeutsame Frage beschäftigt, wie nationale Rechtsmittelfristen und die Frist zur Annahmeverweigerung (Überlegungsfrist) zusammenspielen.

Diesem Urteil des EUGH kommt große Bedeutung zu, da darin einmal mehr deutlich gemacht wird, dass die europäischen Vorschriften zum Schutz des Empfängers bei grenzüberschreitenden Zustellungen streng auszulegen sind und nationale Vorschriften, die diesen Schutz mindern, rechtswidrig und daher unbeachtlich sind.

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Das EUGH-Urteil „LKW-Walter“

Kurz gefasst lag dem Urteil des EUGH vom 7.7.2022 (C-7/21) der Sachverhalt zugrunde, dass in einer österreichisch-slowenischen Konstellation die slowenischen Gerichte einen aus Österreich erhobenen Einspruch gegen einen slowenischen Zahlungstitel als nicht fristgerecht erachtet hatten. Hierbei hatten die slowenischen Gerichte für den Beginn der Einspruchsfrist den Tag der Zustellung in Österreich zugrunde gelegt und somit die Wochenfrist des Art. 8 EUZVO 2007 bei Berechnung der sehr kurzen 8-tägigen Einspruchsfrist außer Acht gelassen. Gerechnet ab Zustellung war dann auch der durch österreichische Anwälte eingelegte Einspruch verfristet. Durch alle Instanzen hindurch hielten die slowenischen Gerichte an ihrer Berechnungsweise fest. Erst im Rahmen eines Anwaltshaftungsverfahrens kam es zur Vorlage des Falles beim EUGH.

 

Zu der letztlich allein relevanten Vorlagefrage, ob die Wochenfrist des Art. 8 EUZVO 2007 nationale Rechtsmittelfristen hemmt, hat der EUGH insbesondere die folgenden Feststellungen getroffen:

„35 Diese Möglichkeit, die Annahme des zuzustellenden Schriftstücks zu verweigern, stellt ein Recht des Empfängers dieses Schriftstücks dar (Urteil vom 6. September 2018, Catlin Europe, C 21/17, EU:C:2018:675, Rn. 32 und die dort angeführte Rechtsprechung). Der Empfänger kann dieses Recht bei der Zustellung des Schriftstücks oder binnen einer Woche ausüben, sofern er das Schriftstück innerhalb dieser Frist zurücksendet.“

„36 Aus der Rechtsprechung des Gerichtshofs ergibt sich ebenfalls, dass dieses Recht, die Annahme eines zuzustellenden Schriftstücks zu verweigern, es ermöglicht, die Verteidigungsrechte des Empfängers dieses Schriftstücks unter Beachtung der in Art. 47 Abs. 2 der Charta verankerten Anforderungen an ein faires Verfahren zu schützen. Denn auch wenn die Verordnung Nr. 1393/2007 in erster Linie darauf abzielt, die Wirksamkeit und die Schnelligkeit der gerichtlichen Verfahren zu verbessern und eine ordnungsgemäße Rechtspflege zu gewährleisten, dürfen diese Ziele nicht dadurch erreicht werden, dass in irgendeiner Weise Abstriche bei der effektiven Wahrung der Verteidigungsrechte der Empfänger der betreffenden Schriftstücke gemacht werden (vgl. in diesem Sinne Urteil vom 6. September 2018, Catlin Europe, C 21/17, EU:C:2018:675, Rn. 33 und die dort angeführte Rechtsprechung).“

„41 Die praktische Wirksamkeit des Rechts, die Annahme eines zuzustellenden Schriftstücks zu verweigern, setzt zum einen voraus, dass der Empfänger über das Bestehen dieses Rechts belehrt worden ist, und zum anderen, dass er über die volle Frist von einer Woche verfügt, um zu beurteilen, ob er das Schriftstück annehmen oder seine Annahme verweigern soll, und um es im Fall der Verweigerung zurückzusenden.“

„45 Das mit Art. 8 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1393/2007 verfolgte Ziel, jede Diskriminierung zwischen diesen beiden Gruppen von Empfängern zu vermeiden, verlangt aber, dass die Empfänger, die das Schriftstück in einer anderen als der in dieser Bestimmung genannten Sprache erhalten, ihr Recht, die Annahme dieses Schriftstücks zu verweigern, ausüben können, ohne einen verfahrensrechtlichen Nachteil in Anbetracht ihrer grenzüberschreitenden Situation zu erleiden.“

„46  Folglich darf, wenn das zuzustellende Schriftstück nicht in einer der in dieser Bestimmung genannten Sprachen abgefasst oder in eine solche übersetzt ist, die Frist von einer Woche, die in Art. 8 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1393/2007 vorgesehen ist, nicht gleichzeitig mit der Frist zu laufen beginnen, die für die Einlegung eines Rechtsmittels nach der Regelung desjenigen Mitgliedstaats gilt, zu dem die Behörde gehört, die das Schriftstück ausgestellt hat, da andernfalls die praktische Wirksamkeit dieser Bestimmung in Verbindung mit Art. 47 der Charta beeinträchtigt würde. Die Rechtsmittelfrist muss vielmehr grundsätzlich nach Ablauf der in Art. 8 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1393/2007 vorgesehenen Frist von einer Woche zu laufen beginnen.“

Fazit

Empfänger gerichtlicher Schriftstücke aus dem EU-Ausland sollten genau darauf achten, dass das ausländische Gericht die Rechte des Empfängers gemäß der EUZVO streng beachtet. Verstöße führen im Zweifel zur Unwirksamkeit der Zustellung. Fristen nach nationalem Recht des Ausgangsstaates können nicht zu laufen beginnen, bevor nicht eine wirksame Zustellung an den Empfänger erfolgt ist. Dies schließt ein, dass dem Empfänger die volle einwöchige Überlegungsrist des Art. 8 EUZVO 2007 [Anmerkung: Die neue EUZVO 2020 sieht in Art. 12 mittlerweile eine zweiwöchige Frist vor] zur Verfügung stand.

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Niedrig bieten und hoch nachschlagen – Zum Umgang mit unlauteren Angeboten im Baurecht

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Ratgeber Baurecht: Niedrig bieten und hoch nachschlagen – Zum Umgang mit unlauteren Angeboten im Baurecht

Problembeschreibung

 

Vielen Leidensgenossen wird folgende Konstellation bekannt vorkommen: Als Auftraggeber bzw. Bauherr hat man sich von den eingeholten, in der Qualität vergleichbaren Angeboten für das günstigste entschieden. Nicht selten kommt dann spätestens mit der Schlussrechnung das böse Erwachen. Die finalen Kosten übersteigen das Angebot nicht selten um ein Vielfaches.

 

Was ist schiefgelaufen? Zunächst ist bei der Frage, ob der „Nachschlag“ vom beauftragten Unternehmer gefordert werden kann, selbstverständlich von zentraler Bedeutung, was im letztlich auf Basis des Angebots abgeschlossenen Vertrag vereinbart worden ist (vgl. dazu folgenden Beitrag).

 

Was aber ist, wenn der Unternehmer ein sog. Lockangebot abgegeben hat. Gemeint ist ein Angebot, das der Unternehmer ganz bewusst, also absichtlich, besonders günstig abgegeben hat, um so den Auftrag „an Land zu ziehen“.

 

Es erstaunt, dass diese Praxis in der Rechtsprechung nur wenig beachtet wird, obwohl dieses Vorgehen keineswegs selten ist.

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Lösungsansätze

Ausgangspunkt bildet die Frage, ob es einem bietenden Unternehmer erlaubt ist, die zur Erstellung des Gewerkes, auf das er bietet, benötigten Mengen und Aufwände niedrig zu kalkulieren, um dann die mit großer Sicherheit später erforderlich werdenden Mehrmengen und Mehraufwände im Rahmen von Nachträgen zu berücksichtigen.  Regelmäßig stützen sich solche unlauter handelnden Unternehmer auf Lücken im Leistungsverzeichnis, um ihre späteren Nachschläge zu rechtfertigen.

Grundsätzlich ist dieses Vorgehen unzulässig!

Die Strategie „niedrig bieten und hoch nachschlagen“ ist rechtswidrig. Der bietende Unternehme darf sich nicht einfach auf einen besonders günstigen Kalkulationsansatz zurückziehen, um so seine Aussicht auf Erteilung des Zuschlags zu verbessern mit der für den Auftraggeber nachteiligen Folge, dass sich das Risiko eines späteren Nachtrags entsprechend vergrößert.“

Dies lässt sich der Rechtsprechung des BGH im Grundsatz eindeutig entnehmen.

Beispielhaft sei auf das beachtliche Urteil des BGH vom 25.2.1988 (Az. VII ZR 310/869) eingegangen, das unter dem Stichwort „Frivolität“ bekannt geworden ist. In diesem Urteil hat der BGH ausgeführt (Hinweis: „Kl.“ meint den „frivol“ bietenden Unternehmer):

„Den Kl. mußte klar sein, daß die Boden- und Wasserverhältnisse in den Ausschreibungsunterlagen nur unvollständig angegeben worden waren. Da das Bodengutachten keine Wasserdurchlässigkeitswerte enthielt und Pumpversuche offensichtlich nicht durchgeführt worden waren, kamen insoweit von vornherein nur grobe Schätzungen in Betracht. Wollten sich die Kl. darauf in ihrer Kalkulation nicht einlassen, hätten sie die Bekl. auffordern müssen, die Ausschreibungsunterlagen entsprechend zu ergänzen. Deshalb spricht viel dafür, daß hier auf die Grundsätze zurückzugreifen ist, die der Senat bereits seit längerem für den Fall entwickelt hat, daß ein Leistungsverzeichnis für den Auftragnehmer erkennbar lückenhaft ist (z. B. MDR 1966, 317 = NJW 1966, 498; zuletzt Senatsurteil, MDR 1988, 43 = BauR 1987, 683).

Letztlich kann das aber auf sich beruhen, weil hier ein Schadensersatzanspruch bereits aus einem anderen Grund ausscheidet. Grundlage für einen Schadensersatzanspruch aus culpa in contrahendo ist stets „enttäuschtes Vertrauen“ (Senatsurteil, MDR 1966, 317 = NJW 1966, 498; vgl. auch Ingenstau/Korbion, VOB 10. Aufl. A § 9, Rdn. 5). Davon kann hier schon deshalb keine Rede sein, weil die Kl. bei ihrem Angebot nach den Feststellungen des OLG „frivol“ kalkuliert und die vorliegende Auseinandersetzung über die entstehenden Mehrkosten in Kauf genommen haben. Wie richtig diese Feststellung ist, zeigt sich vor allem daran, daß die Kl. in ihrem Angebot für die Wasserhaltungskosten zu Los 2 lediglich 2,- DM/lfdm angesetzt haben, während die Kl. zu 1 für Los 1 kurz zuvor noch 75,- DM/lfdm gefordert hat. Der Umstand, daß bei dem hier maßgeblichen Los nicht die Kl. zu 1 allein, sondern vielmehr mit der Kl. zu 2 gemeinsam das Angebot unterbreitet hat, spielt dabei keine Rolle, da beiden Bietern die Kalkulationsunterlagen aus dem früheren Angebot zu Los 1 ersichtlich zur Verfügung standen. Auch die für den unterschiedlichen Ansatz gegebene Begründung, zum einen seien die Kosten für die Wasserhaltungsarbeiten bei Los 2 teilweise auf die Baustelleneinrichtung umgelegt worden, zum anderen habe „niedriger“ kalkuliert werden können, weil durch die Wasserhaltung für Los 1 schon viel Grundwasser aus dem Baubereich abgezogen worden sei, erklärt einen so weit auseinandergehenden Kostenansatz bei den beiden Losen nicht.

Vielmehr zeigt diese unverhältnismäßig große, sachlich nicht zu rechtfertigende Differenz, daß die Kl. ohne jeden vernünftigen Bezug zur Ausschreibung letztlich mehr oder weniger „ins Blaue“ – wenn nicht sogar „spekulativ“ – kalkuliert haben (vgl. dazu Senatsurteil, MDR 1988, 43 = BauR 1987, 683, 685 = ZfBR 1987, 237, 238). Dadurch haben sie die Gefahr, daß später in ihrem Umfang unabsehbare „Nachforderungen“ gestellt werden (hier rund das Hundertfache des für die Wasserhaltung ausgewiesenen Angebotspreises), nicht nur wesentlich erhöht (vgl. Senat aaO.), sondern geradezu heraufbeschworen, um daraus Vorteil ziehen zu können, ohne ihre Aussichten auf Erteilung des Zuschlags aufs Spiel zu setzen. Wer so handelt, kann sich auf „enttäuschtes Vertrauen“ nicht berufen.

Aus dem vorzitierten Auszug lassen sich folgende Grundsätze entnehmen, die etwaigen Nachschlägen entgegenstehen:

  • Angebotslücken dürfen nicht schweigend hingenommen werden.
  • „Frivol“ kalkulieren ist verboten.
  • Auf ins „ins Blaue hinein“ abgegebene Angebote können Nachträge nicht gestützt werden.

 

 

 

 

Fazit:

Wer als Auftraggeber in eine oben beschriebene Situation gelangt, sollte neben allgemeinen vertraglichen Abreden insbesondere auch genau das urprüngliche Angebot eingehend dahin prüfen, ob es sich dabei um ein „frivoles“ Angebot gehandelt hat.

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Corona als Störung der Geschäftsgrundlage?

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Corona als Störung der Geschäftsgrundlage? Pacta sunt servanda – auch in Corona Zeiten!

Der BGH hat mit Blick auf Corona als Störung der Geschäftsgrundlage  jüngst in zwei richtungsweisenden Urteilen klargestellt, dass dem Grundsatz „pacta sunt servanda“ („Verträge sind einzuhalten“) auch unter ungewöhnlichen, von niemanden einkalkulierten Umständen wie die Corona-Krise besondere Beachtung gebührt. Richtig so!

Concept of signing to sign a contract.

Problembeschreibung: Corona als Störung der Geschäftsgrundlage?

Unzählige Vertragsverhältnisse konnten seit Beginn der Corona-Krise nicht planmäßig durchgeführt werden (vgl. dazu auch diesen Beitrag). Schuld waren meist die staatlichen Corona-Maßnahmen, für die naturgemäß keine der Vertragsparteien eine Verantwortung trifft. Dies hat die spannende Frage aufgeworfen, wie mit Fällen umzugehen ist, in denen die vertragliche Hauptleistung – z.B. die Überlassung der Räumlichkeiten in mietrechtlichen Konstellationen – trotz der Corona-Maßnahmen nach wie vor erbracht werden konnte, allerdings die Nutzung der Räume für den Mieter infolge der Corona-Maßnahme ganz oder teilsweise nicht möglich war.

Die Instanzgerichte haben in den zurückliegenden rund zwei Jahren unter Verweis auf Corona als Störung der Geschäftsgrundlage allzu leicht der belasteten Partei – im vorgenannten Beispiel also dem Mieter – das Recht auf Kürzung oder gar Fortfall der eigenen Leistungspflicht (z.B. Mietzahlung) zugesprochen. Oft wurde dabei pauschal vorgegangen und z.B. eine Teilung ausgeurteilt.

Dieses Vorgehen ist nach nun ergangener BGH-Rechtsprechung rechtlich nicht haltbar. Dieser Rechtsprechung ist zuzustimmen!

Die Klarstellungen des BGH zu Corona als Störung der Geschäftsgrundlage  im Einzelnen 

Ausgangspunkt: pacta sunt servanda

Wie schon eingangs erwähnt, hat der BGH in zwei aktuellen, für das Recht auf Vertragsanpassung nach § 313 BGB (Störung der Geschäftsgrundlage) richtungsweisenden Entscheidungen in begrüßenswert deutlicher Form klargestellt, dass Verträge auch im Falle einer späteren schwerwiegenden Änderung der vertraglichen Grundlagen grundsätzlich einzuhalten sind.

Würdigung der vereinbarten und/oder im Vertrag angelegten Risikoverteilung – wer trägt das Verwendungsrisiko?

Dies gilt insbesondere und selbstverständlich dann, wenn das sich infolge der geänderten Umstände realisierte Risiko einer Vertragspartei gesetzlich und/oder vertraglich zugewiesen ist.

Am Beispiel des Gewerberaummietrechts hat der BGH in seinem Urteil vom 12. Januar 2022, Az. XII ZR 8/21, erläutert, wie streng die Verpflichtung zum Einhalten eines geschlossenen Gewerbemietvertrages zu verstehen ist.

Dazu Folgendes:

Gegenstand dieses neuen Urteils des BGH vom 12. Januar 2022 war die vollständige Schließung eines Ladengeschäfts, die durch Corona bedingte behördliche Maßnahmen erforderlich geworden war.

Für den Mieter bedeutete dies für den Schließungszeitraum einen vollständigen Wegfall der Verwendungsmöglichkeiten hinsichtlich des von ihm angemieteten Gewerberaums.

Zu diesem Sachverhalt hat der BGH festgestellt, dass

  • der komplette Fortfall der Verwendungsmöglichkeiten weder einen Mangel der Mietsache noch einen Fall der Unmöglichkeit der Überlassung der Mietsache darstellt, und
  • bei mietrechtlichen Vertragsverhältnissen das sogenannte Verwendungsrisiko qua Gesetz beim Mieter liegt.

Gegenstand des Verwendungsrisikos ist dabei laut BGH insbesondere auch die Erwartung des Mieters ist, Gewinne erwirtschaften zu können.

Noch bedeutsamer ist die weitere Feststellung des BGH, dass die Übernahme des vorgeschriebenen Verwendungsrisikos auch nachträglich eintretende Umstände, z.B. in Form behördlicher Maßnahmen, umfasst. Der BGH hat ausgeführt:

„Das Verwendungsrisiko bezüglich der Mietsache trägt bei der Gewerberaummiete dagegen grundsätzlich der Mieter. Dazu gehört vor allem das Risiko, mit dem Mietobjekt Gewinne erzielen zu können. Erfüllt sich die Gewinnerwartung des Mieters aufgrund eines nachträglich eintretenden Umstandes nicht, so verwirklicht sich damit ein typisches Risiko des gewerblichen Mieters. Das gilt auch in Fällen, in denen es durch nachträgliche gesetzgeberische oder behördliche Maßnahmen zu einer Beeinträchtigung des Gewerbebetriebs des Mieters kommt (Senatsurteil vom 13. Juli 2011 – XII ZR 189/09NJW 2011, 3151 Rn. 8 f. mwN).“

Recht auf Vertragsanpassung als große Ausnahme

Als eine Konsequenz daraus, dass das Verwendungsrisiko auch nachträglich eintretende, dabei möglicherweise schwerwiegend wirkende, Umstände umfasst, hat der BGH weiterhin klargestellt, dass ein Anspruch der betroffenen Partei auf Vertragsanpassung unter dem Gesichtspunkt der Störung der Geschäftsgrundlage nach § 313 BGB nicht in Betracht kommen kann, wenn und soweit die fraglichen Umstände, auf die ein solches Anpassungsrecht gestützt wird, vom von dieser Partei übernommenen Vertragsrisiko umfasst ist.

Der BGH hat dazu in wiederum begrüßenswerter Klarheit ausgeführt:

„Für eine Berücksichtigung der Regelungen über die Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 BGB) ist allerdings grundsätzlich insoweit kein Raum, als es um Erwartungen und um Umstände geht, die nach den vertraglichen Vereinbarungen in den Risikobereich einer der Parteien fallen sollen. Eine solche vertragliche Risikoverteilung bzw. Risikoübernahme schließt für die Vertragspartei regelmäßig die Möglichkeit aus, sich bei Verwirklichung des Risikos auf eine Störung der Geschäftsgrundlage zu berufen (Senatsurteil BGHZ 223, 290 = NJW 2020, 331 Rn. 37 mwN).“

Zwischen Fazit zur Bedeutung von Corona als Störung der Geschäftsgrundlage

„Pacta sunt servanda“ bedeutet, dass übernommene Vertragspflichten grundsätzlich auch bei einer nachträglichen schwerwiegenden Veränderung der dem Vertrag zugrunde liegenden Umstände unverändert fortgelten.

Insbesondere wenn also nach den getroffenen Vereinbarungen ein bestimmtes Vertragsrisiko, z.B. das Verwendungsrisiko, von einer Partei übernommen worden ist, so können Umstände, die dieses übernommene Risiko betreffen, nicht Basis eines Vertragsanpassungsanspruchs sein.

BEACHTE:

Selbst wenn eine Auslegung der Umstände des Einzelfalls ergibt, dass die im fraglichen Fall eingetretenen Umstände das übernommene Risiko „sprengen“, führt dies nicht dazu, dass die vereinbarte Risikoverteilung unbeachtlich wird.

Vielmehr trägt in solchen Fällen, auch dies hat der BGH klargestellt, die nach den getroffenen Vereinbarungen risikotragende Partei das verwirklichte Risiko nicht allein. Anhand der Umstände des Einzelfalles ist zu ermitteln, wie die Parteien an den Folgen des verwirklichten Risikos konkret zu beteiligen sind. Der BGH hat ausgeführt:

„Entgegen der Auffassung der Klägerin hat die Beklagte im vorliegenden Fall nicht vertraglich das alleinige Verwendungsrisiko für den Fall einer pandemiebedingten Schließung ihres Einzelhandelsgeschäfts übernommen.“

Wichtig an vorzitierter Feststellung ist wie gesagt, dass der BGH selbst bei einer kompletten Schließung nur annimmt, dass in diesem Fall das Verwendungsrisiko nicht allein beim Mieter zu sehen ist.

Inhalt und Verlust des Vertragsanpassungsrechts

Für den Fall, dass der betroffenen Partei ausnahmsweise ein Recht auf Vertragsanpassung gemäß den vorgeschriebenen Kriterien zuzubilligen ist, hat der BGH auf Rechtsfolgenseite, also mit Blick auf den Inhalt einer etwaigen Vertragsanpassung, wiederum dem Grundsatz des pacta sunt servanda ein hohes Gewicht beigemessen.

Mit weiterem Urteil vom 2. März 2022, Az XII. ZR 36/21 hat der BGH zunächst darauf hingewiesen, dass es für ein Recht auf Vertragsanpassung noch nicht ausreichend ist, dass die fraglichen veränderten Umstände das vertraglich übernommene Risiko übersteigen. Der BGH hat in seinem Urteil vom 12. Januar 2022 (Az. XII ZR 8/21) ausgeführt:

Auch wenn die mit einer pandemiebedingten Betriebsschließung verbundene

Gebrauchsbeeinträchtigung der Mietsache nicht allein dem Verwendungsrisiko des Mieters zugeordnet werden kann, bedeutet dies aber nicht, dass der Mieter stets eine Anpassung der Miete für den Zeitraum der Schließung verlangen kann.“

Vielmehr muss hinzukommen, dass unter Würdigung wiederum aller Umstände des Einzelfalls das unveränderte Festhalten am Vertrag als gänzlich unzumutbar erscheint.

Für die Frage der Zumutbarkeit kommt der vereinbarten Risikoverteilung besondere Bedeutung zu. Dies hat der BGH in diesem weiteren Corona-Urteil vom 2. März 2022 (Az. XII ZR 36/21) explizit herausgestellt:

Ob dem Mieter ein Festhalten an dem unveränderten Vertrag unzumutbar ist, bedarf auch in diesem Fall einer umfassenden Abwägung, bei der sämtliche Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen sind (§ 313 Abs. 1 BGB). Dabei kann eine Anpassung nur insoweit verlangt werden, als dem einen Teil unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, insbesondere der vertraglichen oder gesetzlichen Risikoverteilung, das Festhalten am unveränderten Vertrag nicht zugemutet werden kann. Das Gericht muss daher nach § 313 Abs. 1 BGB diejenigen Rechtsfolgen wählen, die den Parteien unter Berücksichtigung der Risikoverteilung zumutbar sind (MünchKommBGB/Finkenauer 8. Aufl. § 313 Rn. 89) und durch die eine interessengerechte Verteilung des verwirklichten Risikos bei einem möglichst geringen Eingriff in die ursprüngliche Regelung hergestellt wird (BGH Urteil vom 21. September 1995 – VII ZR 80/94ZIP 1995, 1935, 1939 mwN).“

Den vorzitierten Ausführungen des BGH ist eine weitere wichtige und dabei sehr begrüßenswerte Feststellung zu entnehmen. Diese besteht darin, dass im Falle der Bejahung eines Vertragsanpassungsanspruchs inhaltlich eine Anpassung zu wählen ist, die einen möglichst geringen Eingriff in das ursprünglich Vereinbarte darstellt. Damit hat der BGH ein weiteres Mal den hohen Stellenwert des Pacta-sunt-servanda Grundsatzes herausgestellt.

Vertragsanpassungen sind nach den zutreffenden Ausführungen des BGH „Millimeter Arbeit“.

Jede inhaltliche Anpassung des Vereinbarten bedarf einer besonderen Rechtfertigung, die unter Beachtung der vorbeschriebenen Kriterien und unter Abwägung aller Umstände des jeweiligen Einzelfalls zu begründen ist.

BEACHTE:

Aus dem Dargestellten folgt, konsequenterweise, dass die unter Umständen anspruchsberechtigte Partei ihr Vertragsanpassungsrecht auch wieder – und zwar endgültig – verlieren kann!

Dies gilt nämlich dann, wenn die Partei das ihr angebotene Anpassungsrecht endgültig ablehnt. Letzteres war im vom BGH mit Urteil vom 2. März 2022 entschiedenen Fall gegeben.

In diesem Fall musste die dort streitgegenständliche Hochzeitsfeier Corona-bedingt für den geplanten Termin abgesagt werden. Vom Vermieter der Hochzeitsräumlichkeiten waren Ersatztermine genannt worden, an denen das Brautpaar allerdings kein Interesse mehr zeigte, es wollte ausschließlich die bereits gezahlte Miete erstattet bekommen.

Der BGH hat dazu entschieden, dass der Anspruch auf Rückzahlung der Miete nicht besteht. Das Ehepaar hätte sich zumindest mit einer Verschiebung der Feier einverstanden erklären müssen. Da es dies abgelehnt hatte, blieb es bei der Mietzahlungspflicht. 

Der BGH hat ausgeführt (ab Rz. 41 des Urteils):

(…) Rechtsfehlerhaft ist dagegen, dass das Berufungsgericht nicht ausreichend in den Blick genommen hat, ob sich der Anspruch der Kläger nach § 313 Abs. 1 BGB auf Vertragsanpassung auf die von der Beklagten angebotene Verlegung der Hochzeitsfeier beschränkt, weil bereits dadurch eine interessengerechte Verteilung des Pandemierisikos bei einem möglichst geringen Eingriff in die ursprüngliche Regelung hergestellt werden kann. (…)  Dabei hat es jedoch nicht angemessen berücksichtigt, dass die Beklagte den Klägern bereits am 26. März 2020 eine Vielzahl von Ausweichterminen, auch für das Jahr 2021, angeboten hat, die den Klägern eine langfristige Planung auch unter Berücksichtigung der weiteren Entwicklung des Pandemiegeschehens ermöglicht hätte. Dieses Angebot zu einer kostenlosen Umbuchung des Termins hat die Beklagte am 25. April 2020 wiederholt. Die Kläger waren jedoch zu weiteren Verhandlungen mit der Beklagten über eine angemessene Vertragsanpassung nicht bereit und haben das Angebot auf Verlegung des Termins pauschal abgelehnt. Dies zeigt, dass die Kläger an einer interessengerechten Lösung nicht interessiert waren, sondern allein eine Aufhebung des Mietvertrags erreichen und damit das Risiko der Absage der Feier einseitig auf die Beklagte verlagern wollten.

(…)

Die von den Klägern angestrebte Vertragsanpassung dahingehend, dass sie von ihrer Verpflichtung zur Mietzahlung ganz oder teilweise befreit werden, kommt somit nicht in Betracht, weil ihnen die Annahme des Angebots der Beklagten auf Verlegung des Termins für die geplante Hochzeitsfeier unter Abwägung aller Umstände einschließlich der vertraglichen Risikoverteilung (§ 313 Abs. 1 BGB) zumutbar ist. (…)“

BEACHTE:

Wesentlich ist das vorzitierte Urteil vom 2. März 2022 auch unter einem weiteren Gesichtspunkt. Denn der BGH hat in diesem Urteil, das im Anschluss an das erste Corona-Urteil vom 12. Januar 2022 (BGH-Urteil vom 12.02.2022, Az. XII ZR 8/21), bei dem es bekanntlich um Gewerbemietrecht ging, ergangen ist, nun auch für den  Verbraucherbereich entschieden, dass der Grundsatz „pacta sunt servanda“ sehr streng anzuwenden ist und eine Vertragsanpassung daher nur in absoluten Ausnahmefällen gerechtfertigt sein kann.

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Corona als Störung der Geschäftsgrundlage? – Gesamt-Fazit

Pacta sunt servanda! Auch in Corona-Zeiten.

 

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Beweiswert von Privatgutachten

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Zum Beweiswert von Privatgutachten

Der Beweiswert von Privatgtuachten kommt dem gerichtlicher Sachverständigengutchten sehr nahe. Die Praxis wird dem oft nicht gerecht:

So tendieren viele Gerichte dazu, Privatgutachten, d.h. außerhalb des Prozesses beauftragte Gutachten, als lästig zu empfinden. Diese zumeist als parteiisch „abgestempelten“ Gutachten werden deshalb in den meisten Fällen gegenüber gerichtlich beauftragten Gutachten als geringwertiger eingestuft und im Urteil mit floskelartiger Begründung herabgewürdigt. Dieses in der Praxis verbreitete Vorgehen ist allerdings von der höchstrichterlichen Rechtsprechung nicht gedeckt! Tatsächlich kommen von den Parteien beigebrachten Gutachten eine wichtige Bedeutung für den verfassungsrechtlich garantierten Rechtsschutz der Parteien zu. Nur so lassen sich nämlich – nicht seltene – Fehler in Gerichtsgutachten lückenlos aufdecken.

Der nachfolgende Beitrag setzt sich mit der rechtlichen Behandlung von nicht gerichtlich beauftragten Gutachten im Rahmen bzw. in Vorbereitung eines Zivilprozesses auseinander.

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Grundsatz der freien Beweiswürdigung

Um den Beweiswert von Privatgutachten richtig einordnen zu können, ist zunächst wichtig zu verstehen, wie sich das Gericht gemäß der Zivilprozessordnung seine Überzeugung hinsichtlich des ihm zur Entscheidung vorliegenden Rechtsfalles bildet.

Gemäß § 286 Absatz 1 ZPO gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung:

„Das Gericht hat unter Berücksichtigung des gesamten Inhalts der Verhandlungen und des Ergebnisses einer etwaigen Beweisaufnahme nach freier Überzeugung zu entscheiden, ob eine tatsächliche Behauptung für wahr oder für nicht wahr zu erachten sei. In dem Urteil sind die Gründe anzugeben, die für die richterliche Überzeugung leitend gewesen sind.“

Demnach bildet sich das Gericht auf Basis des gesammelten Inhalts des Verfahrens „frei“ seine Meinung. „Frei“ bedeutet“ insbesondere, dass das Gericht die einzelnen Beweisergebnisse sowie nicht zuletzt auch alle sonstigen im Rahmen des Verfahrens gesammelten Wahrnehmungen nach freier Überzeugung bewerten darf. Dies bedeutet z.B., dass dem Gericht keinerlei Gewichtung der einzelnen Beweismittel und sonstigen Erkenntnisse vorgegeben ist. So darf das Gericht z.B. einem ihm vorgelegten Privatgutachten mehr Bedeutung beimessen als dem zum gleichen Beweisthema eingeholten Gerichtsgutachten. Somit folgt schon aus dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung, dass der Beweiswert von Privatgutachten im Einzelfall höher ausfallen kann als der eines gerichtlich beauftragten Svhverständigengutachtens.

„Freiheit“ in der Würdigung bedeutet allerdings nicht, dass das Gericht Beweismittel unberücksichtigt lassen dürfte. Gegebenenfalls läge ein erheblicher Verstoß gegen das verfassungsrechtlich garantierte Recht auf rechtliches Gehör vor. Weitere Einschränkungen des Grundsatzes der freien Beweiswürdigung gelten, wenn dies gesetzlich ausdrücklich vorgesehen ist, z.B. in § 286 Absatz 2 ZPO:

„An gesetzliche Beweisregeln ist das Gericht nur in den durch dieses Gesetz bezeichneten Fällen gebunden.“

Ein Beispiel hierfür ist die gesetzlich normierte Beweiskraft bestimmter Urkunden.

Überblick: Beweisarten

Das Privatgutachten ist mit den in der Zivilprozessordnung normierten Beweismitteln in Kontext zu setzen. Die Zivilprozessordnung kennt folgende Formen der Beweisführung:Augenscheinahme

    • Augenscheinnahme
    • Beweis durch Urkunden
    • Zeugenbeweis
    • Sachverständigenbeweis
    • Parteianhörung

 

Augenscheinnahme

„Augenschein“ meint, dass sich das Gericht mit eigenen Augen ein Bild verschafft. Klassisches Beispiel ist der sog. Ortstermin. Der Augenscheinsbeweis ist aber auch über Fotoaufnahmen möglich.

Beweis durch Urkunden

Urkunden sind das zuverlässigste Beweismittel. Ein mittels Urkunden untermauerter Tatsachenvortrag führt dazu, dass die mit der Urkunde belegte Tatsache schon überhaupt nicht streitig wird, sodass es einer Beweiserhebung im eigentlichen Sinne nicht bedarf.  Man unterscheidet zwischen privaten und öffentlichen Urkunden. Private Urkunden erbringen „nur“ Beweis auf die in der Urkunde dokumentierte Erklärung. Öffentliche Urkunden beweisen den gesamten, dokumentierten Vorgang.  Die Tücke dieses Beweismittels liegt darin, dass der „volle Beweis“ voraussetzt, dass eine unstreitig oder erwiesenermaßen echte Urkunde vorliegt, wobei es in der Praxis selten vorkommt, dass die Echtheit einer Urkunde in Zweifel gezogen wird.

Zeugenbeweis

Der Beweis durch Aussage von Zeugen ist auf die Bezeugung von Tatsachen gerichtet. Gegenstand sind konkrete, unmittelbare Wahrnehmungen des Zeugen.

Sachverständigenbeweis

Beweis durch Sachverständige bedeutet, dass Kenntnisse, die dem Gericht fehlen, durch Fachwissen anderer ausgeglichen werden. Der Sachverständige ist damit Gehilfe des Gerichts, weshalb die zivilprozessuale Einordung als Beweismittel missverständlich ist. Theoretisch kann die fachliche Unterstützung des Sachverständigen rein mündlich eingeholt werden, in der Praxis wird aber in aller Regel ein schriftliches Gutachten beauftragt, dass dann bei Bedarf bzw. auf Antrag einer Partei mündlich diskutiert wird.

Ob die streitige Behauptung als bewiesen anzusehen ist, entscheidet nicht der Sachverständige, sondern der Richter. Der Sachverständige hat nur die fachlichen Grundlagen für die Beweiswürdigung des Gerichts zu liefern.

Parteianhörung

Die Anhörung der Parteien selbst ist das schwächste Beweismittel. Zwar ist dies das unmittelbarste, aber eben auch das am wenigsten objektive Mittel, um einen streitigen Sachverhalt zu klären. Dementsprechend ist dieses Beweismittel nur in seltenen Fällen überhaupt zulässig (z.B. Beweisnot).

Die Rechtlage betreffend Privatgutachten

Privatgutachten lassen sich nicht in befriedigender Form unter die oben aufgeführten Beweismittel subsumieren. Der Beweiswert von Privatgutachten ist daher nicht ohne weiteres zu bestimmen.

Unzweifelhaft handelt es sich bei einem schriftlichen Privatgutachten um eine Urkunde, die somit als Urkundenbeweis in einen Rechtsstreit eingeführt werden kann. Nur ist damit nichts gewonnen, da sich der Beweiswert als Urkunde auf die Tatsache beschränkt, dass der Gutachter das Gutachten erstattet hat. „Förmlicher“ Sachverständigenbeweis kann es nicht sein, weil der Beweis nicht vom Gericht im Rahmen der einschlägigen Verfahrensvorschriften (§§ 402 ZPO ff.) erhoben ist. Es verbleibt die Vernehmung des privaten Sachverständigen im Wege des förmlichen Zeugenbeweises. Aber auch das führt nicht weiter, weil der Sachverständige als Zeuge lediglich über eigene Wahrnehmungen (vgl. § 396 ZPO) „Beweis bieten kann“, so also z.B. über seine im Rahmen einer Ortsbesichtigung gewonnenen Eindrücke.

Die Rechtsprechung „löst“ das Dilemma wie folgt:

Nach der seit jeher in der Rechtsprechung herrschenden Auffassung handelt es sich bei von einer Partei vorgelegten Sachverständigengutachten „nur“ um urkundlich belegten substantiierten (qualifizierten) Parteivortrag.

Im Rahmen der oben beschriebenen freien Beweiswürdigung nach 286 ZPO ist das Privatgutachten vom Gericht in seine Beurteilung einzubeziehen. Aufschlussreich hat der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 11. Mai 1993 (VI ZR 243/92) ausgeführt:

„(…) Der Tatrichter darf ein Privatgutachten zwar durchaus verwerten, hierbei aber nicht außer acht lassen, daß es sich grundsätzlich nicht um ein Beweismittel im Sinne der §§ 355 ff. ZPO, sondern um (qualifizierten) substantiierten Parteivortrag handelt (…) eine eigene Beweisaufnahme des Gerichts, insbesondere die Einholung eines gerichtlichen Sachverständigengutachtens, wird durch ein Privatgutachten allenfalls dann entbehrlich gemacht, wenn der Tatrichter allein schon aufgrund dieses substantiierten Parteivortrags ohne Rechtsfehler zu einer zuverlässigen Beantwortung der Beweisfrage gelangen kann (…). Als Sachverständigengutachten im Sinne eines Beweismittels kann ein Privatgutachten nur mit Zustimmung beider Parteien herangezogen werden (vgl. BGH, Urteil vom 5. Mai 1986 – III ZR 233/84 – NJW 1986, 3077, 3079) [BGH 05.05.1986 – III ZR 233/84]. (…)“

Vorzitierte Rechtsprechung mag den Beweiswert von Privatgutachten auf den ersten Blick als zweifelhaft erscheinen lassen. Bei näherem Hinsehen wir das Privatgutachten im Ergebnis aber einem gerichtlichen Sachverständigengutachten (fast) gleichgestellt. So kann das Privatgutachten sogar die Einholung eines gerichtlichen Sachverständigengutachtens ganz entbehrlich machen, wenn das Gericht auf Grund eigener Sachkunde unter Heranziehung des Privatgutachtens in der Lage ist, zu einer zuverlässigen Beantwortung der Beweisfrage zu gelangen.

Beachtenswert ist hier auch ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main vom 3. April 2017 (Az. 29 U 169/16). Demnach kann ein Privatgutachten unter Umständen als förmlicher Sachverständigenbeweis verwertet werden, nämlich z.B. dann, wenn das Gericht den Privatgutachter ausdrücklich als Sachverständigen zur Vernehmung lädt und es der Prozessgegner unterlässt, der Verwertung als Sachverständigenbeweis zu widersprechen. Das OLG hat ausgeführt:

„(…) Soweit die Beklagte rügt, dass das Landgericht Ausführungen des Sachverständigen Z1 als Sachverständigenbeweis gewürdigt hat, ist dies vorliegend nicht zu beanstanden. Innerhalb der Vernehmung des Sachverständigen Z1 hat das Landgericht zum Ausdruck gebracht, dass es den Sachverständigen Z1 nicht nur entsprechend der Ladung vom 07.07.2015 als Zeugen, sondern auch als Sachverständigen vernimmt. Zwar begründete der Umstand, dass der Sachverständige Z1 zuvor als Privatgutachter der Kl ger t tig war, einen Ablehnungsgrund im Sinne des  406 ZPO (…) eine Ablehnung hat die Beklagte indes trotz der Kenntnis der maßgeblichen Umstände nicht geltend gemacht. Unterlässt eine Partei jedoch die Geltendmachung eines Ablehnungsgrundes, kann dieser grundsätzlich später auch nicht mehr als Verfahrensfehler im Sinne des   § 404 ZPO geltend gemacht werden, sondern stellt lediglich einen bei der Beweiswürdigung zu berücksichtigenden Umstand dar (…).“

Aber auch sonst gilt:

Fehlt dem Gericht eigene Sachkunde und wird das Gericht mittels Privatgutachten als qualifiziertem Parteivortrag mit Fachwissen konfrontiert, darf es diesen unter keinen Umständen übergehen, sondern muss im Wege des förmlichen Sachverständigenbeweises die Ergebnisse des Privatgutachtens überprüfen.

Privatgutachten versus Gerichtsgutachten

Vorstehendes bedeutet für den Beweiswert von Privatgutachten, die einem förmlichen Gerichtsgutachten entgegengesetzt werden, Folgendes:

Einwendungen der Parteien gegen die Ergebnisse eines Gerichtsgutachters müssen vom Gericht beachtet werden. Solche Einwendungen können sich regelmäßig aus abweichenden Privatgutachten ergeben, die vom Gericht wie oben dargestellt als sog. qualifizierter Parteivortrag zu würdigen sind.

Der Gerichtsgutachter und auch das Gericht müssen sich dann mit dem Privatgutachten inhaltlich auseinandersetzen.

Das Gericht darf nicht einfach – was gerne geschieht – die Feststellungen des Gerichtsgutachters unter floskelhafter Berufung auf eine z.B. „größere Überzeugungskraft“ übernehmen. Können die Divergenzen zwischen Privatgutachten und Gerichtsgutachten nicht nachvollziehbar aufgelöst werden, ist weitere Sachaufklärung geboten.

Vorbeschriebene Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit vom Gerichtsgutachten abweichenden Privatgutachten gründet auf der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts als höchstes deutsches Gericht. In einem Beschluss vom 15. Mai 2012 (1 BvR 1999/09) hat das Bundesverfassungsgericht – nicht zum ersten Mal – festgestellt:

„(…)Art. 103 Abs. 1 GG verpflichtet die Gerichte, die Ausführungen der Prozessbeteiligten zur Kenntnis zu nehmen und bei ihrer Entscheidung in Erwägung zu ziehen. Daraus folgt zwar nicht, dass sie verpflichtet wären, jedes Vorbringen der Beteiligten in den Entscheidungsgründen ausdrücklich zu bescheiden (vgl. BVerfGE 88, 366 <375 f.> m.w.N.). Die wesentlichen, der Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung dienenden Tatsachenbehauptungen müssen in den Gründen aber verarbeitet werden (vgl. BVerfGE 47, 182 <189>). Geht ein Gericht auf den wesentlichen Kern des Tatsachenvortrags einer Partei zu einer Frage, die für das Verfahren von zentraler Bedeutung ist, in den Entscheidungsgründen nicht ein, so lässt dies auf die Nichtberücksichtigung des Vortrags schließen, sofern er nicht nach dem Rechtsstandpunkt des Gerichts unerheblich oder offensichtlich unsubstantiiert war (vgl. BVerfGE 86, 133 <146>).“

„(…)Im Hinblick auf die auf mehrere Privatgutachten gestützten Einwände des Beschwerdeführers hätte das Berufungsgericht zumindest eine logisch nachvollziehbare Begründung für sein Festhalten an dem gerichtlichen Sachverständigengutachten geben müssen (vgl. BGH, Beschluss vom 18. Mai 2009 – IV ZR 57/08 -, juris, Rn. 7). Eine solche Begründung fehlt. Das Landgericht verweist lediglich auf das Gutachten und macht sich dessen Schlussfolgerungen zu Eigen, ohne den sich aus den Privatgutachten ergebenden Beanstandungen nachzugehen. Die unkritische Übernahme des Gutachtens des gerichtlich bestellten Sachverständigen sowie die fehlende Erwähnung der Privatgutachten im angegriffenen Beschluss legen die Annahme nahe, dass das Landgericht den gegenteiligen Standpunkt des Beschwerdeführers nicht zur Kenntnis genommen, ihn jedenfalls nicht in Erwägung gezogen hat (vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 7. Oktober 1996 – 1 BvR 520/95 -, juris, Rn. 19). Der Verstoß setzt sich in dem Beschluss über die Zurückweisung der Anhörungsrüge fort.(…)“

Die folglich bestehende Pflicht des Gerichts, die vom Gerichtsgutachten abweichenden Ausführungen in seinem Urteil zu würdigen, hat der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 21. Januar 1997 (Az. VI ZR 86/96) wie folgt konkretisierend umschrieben:

„(…) Gutachten von Sachverständigen unterliegen der freien Beweiswürdigung (§§ 287 I, 286 I ZPO). Dementsprechend darf das Gericht grundsätzlich von dem Gutachten eines Sachverständigen abweichen, wenn es von dessen Ausführungen nicht überzeugt ist. Es bedarf aber der Ausweisung entsprechender Sachkunde, wenn ein Gericht fachkundigen Feststellungen oder fachlichen Schlußfolgerungen eines Sachverständigen nicht folgen will (vgl. Senat, NJW 1988, 3016 = VersR 1988, 837 (unter II 2a)). 

Eine zulässige Abweichung des Gerichts vom Gutachten eines Sachverständigen erfordert stets die Darlegung der hierfür maßgeblichen Erwägungen im Sinne einer einleuchtenden und nachvollziehbaren Begründung im Urteil (vgl. für den Fall widersprechender Gutachten Senat, NJW-RR 1987, 1311 = BGHR-ZPO § 412 Obergutachten 1 (unter II 2b)), die nicht darauf beruhen darf, daß das Gericht eine ihm nicht zukommende eigene Sachkunde in Anspruch nimmt. (…)“

Daraus folgt:

Das Gericht ist zwar nicht verpflichtet, sich zu jedem einzelnen Punkt mit der Auffassung des Privatgutachters auseinanderzusetzen. Es muss aber – dies im Ausgangspunkt gleichrangig – in allen wesentlichen Punkten neben dem Gerichtsgutachten auch die entsprechenden (widersprechenden) Ausführungen im Privatgutachten berücksichtigen und dies in seiner Urteilbegründung auch nachvollziehbar, d.h. überprüfbar, darlegen.

Fazit zum Beweiswert von Privatgutachten

Die mit Blick auf den Beweiswert von Privatgtuachten zugegebenermaßen etwas unübersichtliche Rechtslage geht dahin, dass Privatgutachten – fast – gleichwertig gegenüber gerichtlichen Gutachten sind.

Wie dargestellt, dienen Sachverständige dazu, dem Gericht fehlende Sachkunde zu vermitteln. Mangels eigener Sachkunde darf das Gericht nicht ohne weiteres dem Fachwissen eines gerichtlichen Gutachters dem abweichenden Fachwissen eines Privatgutachters den Vorzug geben.

Die durch den Inhalt eines gerichtlichen Gutachtens beschwerte Partei hat es daher in der Hand, durch privatgutachterliche Einwände das Gerichtsgutachten mindestens zu „neutralisieren“. Erforderlich und eben auch ausreichend ist dafür, dass der Privatgutachter seine vom gerichtlichen Sachverständigengutachten abweichenden Ergebnisse unter Bezugnahme auf das Gerichtsgutachten nachvollziehbar fachlich begründet. Ziel muss sein, Zweifel am Ergebnis des Gerichtsgutachters zu erzeugen. Gelingt dies, so muss das Gericht diesen Zweifeln nachgehen.

Aus obiger Rechtslage folgt übrigens auch, dass die Kosten von Privatgutachten erstattungsfähig sein können. Zwar sieht die Rechtsprechung dies nach wie vor als Ausnahme an. Wenn aber gut begründbar ist, dass die Einholung des Privatgutachtens erforderlich war, um den eigenen Sachvortrag in fachlicher Hinsicht mit der gebotenen Qualität auszustatten, dürften die Chancen gut stehen, diese Kosten später als notwendige Rechtsverfolgungskosten einfordern zu können.

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EURO-Klauseln – Vorbeugung gegen Eurokrisenszenarien

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EURO-Klauseln: Vorbeugung gegen Eurokrisenszenarien

EURO-Klauseln werden bis heute überwiegend mit der Einführung des Euro in Verbindung gebracht. Der nachfolgende Beitrag befasst sich mit dem unschönen Fall, dass der Euro in eine Krise gerät, verbunden z.B. mit dem Ausstieg einzelner Staaten aus der Euro-Zone. Zur Vorbeugung dieses Falles lohnt es sich, über „Nach-EURO“-Klauseln nachzudenken.

Problembeschreibung

Die Gleichwertigkeit von Leistung und Gegenleistung ist Eckfeiler eines jedes „guten“ Vertrages. Nun stelle man sich Folgendes vor: Lieferant A verpflichtet sich gegenüber Abnehmer B zur Lieferung einer komplexen industriellen Anlage zum Preis von 20 Mio. Euro. Die letzte Zahlungsrate in Höhe von 2 Millionen Euro wird erst nach Fertigstellung und Abnahme fällig. Mit der Abnahme ist zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses nach Plan erst nach 2 Jahren zu rechnen. Ohne viel Fantasie führt dies zu der Frage, wie bzw. ob eigentlich sichergestellt ist, dass 2 Mio. Euro zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses und 2 Mio. Euro zum Zeitpunkt der Abnahme 2 Jahre später noch (in etwa) gleichwertig sind. Die Antwort ist: Dies ist schlichtweg nicht sichergestellt! Die aktuell wegen Vorrang des Gesundheitsschutzes noch nicht so sehr im Fokus stehenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise, die aus diversen Gründen wohl auch den Euro nicht unerheblich belasten werden, lassen die Frage, wie sich der Lieferant gegen Währungsrisiken und damit einem drohenden Wertverfall der ihm vereinbarungsgemäß zustehenden Gegenleistung vertraglich schützen kann, hoch aktuell erscheinen. Der nachfolgende Beitrag ordnet die Problematik zunächst rechtlich ein und zeigt einige vertragsrechtliche Lösungsansätze überblicksmäßig auf.

 

 

 
 
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Erforderlichkeit vertraglicher Regelungen

Die eingangs erwähnten wirtschaftlichen Folgen, die die Corona-Krise erst noch zutage bringen wird, bedrohen die Stabilität des Euro in vielerlei Hinsicht. Bliebe es bei nur bei einer wohl zu erwartenden überdurchschnittlichen Inflation wäre dies als Best Case zu bezeichnen. Nicht auszuschließen ist eine politisch motivierte schmerzhafte Geldentwertung, der Ausstieg einzelner Staaten aus der Euro-Zone oder gar ein Zerbrechen der Währungsunion. Ist ein Vertrag von diesem Szenario betroffen, stellt sich die Frage für den Lieferanten, ob er gegen eine hieraus resultierende Entwertung seiner Gegenleistung, die auf einen bestimmten Euro-Betrag gerichtet ist, rechtlich abgesichert ist.

Denken könnte man an eine Störung der Geschäftsgrundlage nach § 313 BGB. Demnach kann Anpassung eines Vertrages gefordert werden, wenn

„(…) sich Umstände, die zur Grundlage des Vertrags geworden sind, nach Vertragsschluss schwerwiegend verändert und hätten die Parteien den Vertrag nicht oder mit anderem Inhalt geschlossen, wenn sie diese Veränderung vorausgesehen hätten, (…)“

Im Falle der hier diskutierten Währungsrisiken dürfte ein Anpassungsanspruch meist an der Voraussetzung mangelnder Vorhersehbarkeit scheitern. Die Risiken rund um die Euro-Zone sind seit langer Zeit in schwankender Intensität ein Thema.

Im Falle eines Austritts einzelner Euro-Staaten oder auch einer Beendigung der Währungsunion dürfte § 313 BGB zudem entgegenstehen, dass der Gesetzgeber ggf. – wie schon bei Einführung des Euro – den Grundsatz der Vertragskontinuität festschreiben wird. So wurde damals bei Einführung des Euro über Artikel 3 der Verordnung (EG) Nr. 1103/97 des Rates vom 17. Juni 1997 Folgendes geregelt:

„Die Einführung des Euro bewirkt weder eine Veränderung von Bestimmungen in Rechtsinstrumenten oder eine Schuldbefreiung noch rechtfertigt sie die Nichterfüllung rechtlicher Verpflichtungen, noch gibt sie einer Partei das Recht, ein Rechtsinstrument einseitig zu ändern oder zu beenden. Diese Bestimmung gilt vorbehaltlich etwaiger Vereinbarungen der Parteien.“

Zwischenergebnis zu EURO-Klauseln

Wie eingangs schon erwähnt, ist der Lieferant als Geldgläubiger gegen das Risiko einer Geldentwertung und damit einhergehend einer Störung des Aquivalenzverhältnisses
zwischen Leistung (= Lieferung) und Gegenleistung (= Geldzahlung) nicht geschützt. Er sollte daher nach Möglichkeiten suchen, sich hiergegen vertraglich abzusichern.

 

Formen zulässiger Vertragsklauseln

Nachdem herausgearbeitet ist, dass der Lieferant als Geldgläubiger gegen die Risiken, die mit einer „echten“ Euro-Krise einhergingen, nicht ohne weiteres geschützt ist, stellt sich die Frage, in welcher Form er mit seinem Geschäftspartner vertraglich vorbeugen kann.

Preisanpassungsklauseln

Auf den ersten Blick erscheinen automatische Preisanpassungsklauseln als das Mittel der Wahl. Bei solchen Klauseln wird der Preis orientiert an einem in Bezug genommen Index (z.B. Verbrauchpreisindex) automatisch angepasst.

Zwar sind solche Klauseln zur Wertsicherung im Grundsatz höchstrichterlich anerkannt. Leider hat der Gesetzgeber dieser Lösung aber recht enge Grenzen gesetzt. Insbesondere ist eine automatische Preisanpassung verboten. Zu nennen sind das Preisklauselgesetz sowie das AGB-Recht. Gemäß Preisklauselgesetz gilt ein sog. Indexierungsverbot, das die Vereinbarung einer automatischen Preisanpassung grundsätzlich untersagt, vgl. § 1 Abs. 1 Preisklauselgesetz:

„Der Betrag von Geldschulden darf nicht unmittelbar und selbsttätig durch den Preis oder Wert von anderen Gütern oder Leistungen bestimmt werden, die mit den vereinbarten Gütern oder Leistungen nicht vergleichbar sind.“

Hintergrund ist, dass ansonsten befürchtet würde, dass durch automatische Preisanpassungsklauseln unerwünschte Inflation unkontrolliert angetrieben werden könnte.

Das Gesetz sieht allerdings Ausnahmen vor, die eine (nicht automatische) Preisanpassung erlauben, vgl. § 1 Abs. 2 Preisklauselgesetz:

(2) Das Verbot nach Absatz 1 gilt nicht für Klauseln,

1. die hinsichtlich des Ausmaßes der Änderung des geschuldeten Betrages einen Ermessensspielraum lassen, der es ermöglicht, die neue Höhe der Geldschuld nach Billigkeitsgrundsätzen zu bestimmen (Leistungsvorbehaltsklauseln),
2. bei denen die in ein Verhältnis zueinander gesetzten Güter oder Leistungen im Wesentlichen gleichartig oder zumindest vergleichbar sind (Spannungsklauseln),
3. nach denen der geschuldete Betrag insoweit von der Entwicklung der Preise oder Werte für Güter oder Leistungen abhängig gemacht wird, als diese die Selbstkosten des Gläubigers bei der Erbringung der Gegenleistung unmittelbar beeinflussen (Kostenelementeklauseln),
4. die lediglich zu einer Ermäßigung der Geldschuld führen können

Von diesen Ausnahmen interessant sind insbesondere die Leistungsvorbehaltsklauseln sowie die Spannungsklauseln.

Zulässige Leistungsvorbehaltsklauseln sehen anstatt einer – verbotenen – automatischen Preisanpassung vor, dass der Berechtigte bei Vorliegen der vereinbarten Voraussetzungen (insb. Änderung der Bezugsgröße, Eintritt eines bestimmten Ereignisses) nach seinem Ermessen den Preis neu bestimmen darf. Es dürfte jedem einleuchten, dass ein solches einseitiges Bestimmungsrecht (§ 315 BGB) rechtlich schnell auf Bedenken stößt. Hier kommt dann ggf. auch schnell das AGB-Recht ins Spiel. Der BGH hat zur grundsätzlichen Zulässigkeit und Berechtigung von Leistungsvorbehaltsklauseln mit Urteil vom 9. Mai 2012 (Az. XII ZR 79/10) ausgeführt:

„Nach der Rechtsprechung des BGH stellen Preisänderungsklauseln bei langfristigen Vertragsverhältnissen, insbesondere solchen, die auf Leistungsaustausch gerichtet sind, ein geeignetes und anerkanntes Instrument zur Bewahrung des Gleichgewichts von Preis und Leistung dar. Denn sie dienen dazu, einerseits dem Verwender das Risiko langfristiger Kalkulation abzunehmen und ihm seine Gewinnspanne trotz nachträglicher ihn belastender Kostensteigerungen zu sichern, und andererseits den Vertragspartner davor zu bewahren, dass der Verwender mögliche künftige Kostenerhöhungen vorsorglich schon bei Vertragsschluss durch Risikozuschläge aufzufangen versucht (…)

Dabei ist das Interesse des Vertragspartners des Verwenders einer Preisänderungsklausel daran zu berücksichtigen, vor Preisanpassungen geschützt zu werden, die über die Wahrung des ursprünglich festgelegten Äquivalenzverhältnisses hinausgehen (vgl. BGHZ 94, BGHZ Band 94 Seite 355 = NJW 1985, NJW Jahr 1985 Seite 2270; BGHZ 158, BGHZ Band 158 Seite 149 = NJW 2004, NJW Jahr 2004 Seite 1588 [NJW Jahr 2004 1590]; jew. m. w. Nachw.).“

Erforderlich und unabdingbar ist nach der Rechtsprechung des BGH ein berechtigtes Interesse des von der Klausel Begünstigten sowie eine hinreichende Konkretisierung der Voraussetzungen für das Anpassungsrecht, um die Interessen des Vertragspartners ausreichend und damit AGB-sicher zu schützen. Für den Vertragspartner muss hinreichend ersichtlich sein, was auf ihn zukommt. Der BGH hat mit Urteil vom 25. November 2015 (Az. VIII ZR 360/14) ausgeführt:

„(…) Allerdings kann sich nach § 307 I 2 BGB eine unangemessene Benachteiligung des Vertragspartners iSd § 307 I 1 BGB auch daraus ergeben, dass eine Bestimmung in Allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht klar und verständlich ist. Der Verwender Allgemeiner Geschäftsbedingungen ist daher nach den Grundsätzen von Treu und Glauben verpflichtet, Rechte und Pflichten seiner Vertragspartner möglichst klar und durchschaubar darzustellen sowie wirtschaftliche Nachteile und Belastungen so weit erkennen zu lassen, wie dies nach den Umständen gefordert werden kann (…)“

Spannungsklauseln nehmen für eine Preisanpassung einen bestimmten Index in Bezug, der sich auf mit dem Vertragsprodukt vergleichbare Güter bezieht. Um die Wirksamkeit der Klausel zu gewährleisten, muss die Regelung hinreichend bestimmt und dem Kriterium der Vergleichbarkeit genüge getan sein. „Vergleichbarkeit“ erfordert, dass das in Bezug genommene Vergleichsgut gleichartig ist oder zumindest dem Wesen nach vergleichbar ist. Das Verhältnis zwischen Geldschuld und Bezugsgröße muss „nach der Verkehrsanschauung“ gleichartig sein. Die Bezugsgröße muss dem zu sichernden Schuldverhältnis eigentümlich und wesensgemäß sein. Nach allem handelt es sich um eine Wertungsfrage, so dass bei Gestaltung einer entsprechenden Klausel besondere Vorsicht geboten ist, um das Risiko der Unwirksamkeit zu minimieren.

Nachverhandlungsklauseln

Die oben beschriebenen Unsicherheiten bei der vertraglichen Ausgestaltung einer Preisanpassungsklausel lassen sich durch eine reine Nachverhandlungsklausel umgehen.

Mit einer Nachverhandlungsklausel lässt sich vereinbaren, dass die Parteien bei erheblicher Veränderung der Umstände – hier also ggf. des Geldwertes – zu Nachverhandlungen verpflichtet sind. Es gibt also kein einseitiges Leistungsbestimmungsrecht, sondern „nur“ die Verpflichtung beider Parteien, den ursprünglichen Preis nachzuverhandeln. Großer Vorteil einer solchen Regelung ist, dass deren Wirksamkeit kaum in Frage gestellt werden kann. Über eine geeignete Formulierung der Klausel lässt sich dabei weitgehend sicherstellen, dass sich der Vertragspartner einer Preisanpassung nicht gänzlich versperren kann.

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Fazit zu (Nach) EURO-Klauseln

Das einleitend beschriebene Risiko hinsichtlich des Euro ist seiner Höhe nach schwer einzuschätzen. Durch eine „Nach-EURO“-Klausel zur Wertsicherung lässt sich dieses Risiko im beschriebenen Rahmen ausschalten. Sie als Unternehmer haben so eine Sorge weniger.

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